Ausbildungsoffensive
Ich beschäftige mich in Dortmund sehr intensiv mit dem Thema Ausbildung. Zu diesem Thema habe ich dann den DGB, die Stadt Dortmund und die Arbeitsagentur zu einem Gespräch in mein Bürgerbüro eingeladen. Nach einer intensiven Diskussion habe ich eine Erklärung zur Ausbildungssituation verfasst, die ich auch den Medien zur Verfügung stellte.
Meine Positionen zum Thema Ausbildung
Vorab möchte ich noch auf einige Punkte und Fakten hinweisen, die bei der notwendigen Diskussion über die Ausbildungssituation sehr wichtig sind. Viele Themenbereiche spielen hier eine wichtige Rolle. Einige Punkte werde ich deshalb eher kurz streifen, damit die Übersichtlichkeit gewährleistet bleibt:
1. Die schlechte Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist eines der wichtigsten Probleme überhaupt. Ohne Ausbildungsplatz haben viele junge Menschen so gut wie keine Chance auf eine Arbeitsstelle und wären damit zeitlebens auf Transferzahlungen angewiesen.
2. Ich werde hier nicht intensiver auf das Thema Umlagefinanzierung eingehen. In diesem Gespräch wurde die Forderung nach einer Umlagefinanzierung natürlich laut. Es ist aber auch deutlich geworden, dass die Dortmunder Kammern diese ablehnen. Mir ist klar, dass die Umlagefinanzierung gerechtfertigt ist, das Problem aber allein auch nicht lösen wird. Fakt ist, dass der Ausbildungspakt nicht ausgereicht hat, die Ausbildungssituation zu verbessern. Die Politik steht also ? neben der Hauptverantwortung der Wirtschaft ? weiterhin in der Pflicht auch staatlich einzugreifen.
3. Es ist - aufgrund der hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung - nicht zu begreifen, dass die problematische Situation auf dem Ausbildungsmarkt nicht entschärft werden konnte. Das Wachstum ist seit geraumer Zeit so hoch wie lange nicht mehr. Die meisten Unternehmen haben einen Auftragszuwachs und eine Gewinnsteigerung zu verzeichnen. Dennoch schaffen sie es insgesamt nicht die meisten Jugendliche unterzubringen.
4. Zum Schluss noch einige Zahlen und Daten, die für die Diskussion wichtig sind:
- Von Oktober 2005 bis August 2006 sind bei den Agenturen für Arbeit bundesweit nur 418.400 Ausbildungsstellen gemeldet worden. Das sind 2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
- Es entziehen sich bundesweit immer mehr Unternehmen ihrer Ausbildungspflicht. Trotz guter Konjunktur bilden heute nur noch 23% aller Betriebe aus. 1980 waren es noch 35%.
- Rund 60% der jungen Menschen im östlichen Ruhrgebiet suchen schon länger als ein Jahr einen Ausbildungsplatz. DGB-Schätzungen zufolge kommen davon allein mehr als 2000 junge Menschen aus Dortmund.
- Immer mehr Bewerber versuchen, auf einem sich weiter verkleinernden Ausbildungsstellenmarkt einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Leider werden in Dortmund immer weniger Jugendliche ausgebildet.
- Die Arbeitsagentur für Arbeit (das damalige Arbeitsamt) hat in Dortmund im Jahr 2005 4.597, im Kammerbereich ca. 6.500 neu geschlossene Ausbildungsverträge gezählt (1991 waren es 6.151, im Kammerbereich ca. 9.000). Es gibt dazu aber unterschiedliche Zahlen. Die IHK zu Dortmund spricht im Kammerbezirk im Jahr 2005 von 4.157 Neueintragungen bei den Ausbildungsverhältnissen (1991 waren es 4.711). Fakt ist, dass es bei diesem wichtigen Thema wenig nützt, über Zahlen zu streiten. Hier geht es vor allem um die Zukunft junger Menschen und um die Schicksale vieler Jugendlicher.
Erklärung zur Ausbildungssituation in Dortmund
Nach einer kontroversen Debatte habe ich die Vertreter der Dortmunder Kammern, der Stadt Dortmund und der Gewerkschaften zu einem direkten Austausch in mein Bürgerbüro eingeladen. Dort sollte nicht in erster Linie über Zahlen und gegenseitige Schuldzuweisungen debattiert, sondern mögliche gemeinsame Standpunkte und Lösungsansätze gefunden werden.
Denn Eines ist allen Beteiligten klar: Es gibt zu viele Jugendliche die noch keinen Ausbildungsplatz haben. Dankenswerter Weise folgten die IHK, die HWK, der DGB und die Wirtschaftsförderung der kurzfristigen Einladung.
An diesem Gespräch nahmen teil:
Joachim Beyer, Geschäftsbereichsleitung Arbeit und Region, Dortmunder Wirtschaftsförderung; Eberhard Weber, DGB- Kreisvorsitzender Östliches Ruhrgebiet; Claus Dieter Weibert, stellv. Hauptgeschäftsführer IHK- Dortmund und Angelika Weies, Mitglied der Geschäftsführung, HWK- Dortmund
Die Kammern betonten nochmals, dass dieses Jahr die Zahl der Ausbildungsplätze in Dortmund zum Vorjahr gesteigert werden konnten. Hinzufügen muss man leider, dass die Zahl der Bewerber größer geworden ist.
Insgesamt müssen Ende 2006 mehr Jugendliche als 2005 damit rechnen keinen Ausbildungsplatz zu erhalten. Dies zeichnet sich im ganzen Bundesgebiet ab und ist Anlass genug, die Anstrengungen zu verstärken. Es waren sich alle Anwesenden einig, dass die Misere am Ausbildungsmarkt sehr differenziert zu betrachten ist. Auf die Ausbildungssituation wirken viele verschiedene kurzfristige, aber auch langfristige Faktoren.
Faktoren mit nachhaltigen Auswirkungen
Zu den Faktoren mit nachhaltigen Auswirkungen möchte ich nach dem Gespräch aus meiner Sicht folgende Punkte hervorheben:
- Im Vergleich zum OECD-Durchschnitt investieren wir in Deutschland immer weniger in unser Bildungssystem. Dies wird sich immer negativer auf verschiedene Bereiche, so auch auf das Bildungsniveau der Ausbildungsbewerber auswirken.
- Vor allem die großen und international tätigen Unternehmen haben sowohl die Arbeits-, als auch die Ausbildungsplätze deutlich abgebaut. Dortmund ist auf Grund der Auswirkungen Strukturwandels besonders stark betroffen.
- Nicht alle Unternehmen, die ausbilden könnten, kommen dieser Verantwortung auch nach.
- Durch die sinkende Zahl der Studienanfänger nach Einführung der Studiengebühr, drängen vermutlich noch mehr junge Menschen auf den Ausbildungsmarkt. Dies würde die Situation weiter anspannen.
- Es gibt zahlreiche Jugendliche, die in den letzten Jahren keinen Ausbildungsplatz erhalten haben und nun die Zahl der Bewerber deutlich erhöhen (Bugwelle). Hinzu kommt: Das Durchschnittsalter der Ausbildungsplatzsuchenden ist gestiegen, was ihre Chancen auf Vermittlungsmarkt deutlich verschlechtert.
- Die wachsende Zahl von Praktikanten, welche im Durchschnitt immer länger, für immer weniger Geld den Unternehmen zur Verfügung stehen, reduziert oder verdrängt reguläre Ausbildungsplätze. (Natürlich muss hierbei nach Praktika von Jugendlichen als Berufsvorbereitende Maßnahme und Praktika von Hochschulabsolventen unterschieden werden).
- Die Hoffnung, dass die geburtenschwachen Jahrgänge in einigen Jahren die Situation entschärfen, ist trügerisch. Das hat zwei Gründe: Die so genannte Bugwelle wird weiter ansteigen und zudem wird im Jahr 2013 mit dem Wegfall des 13. Schuljahrs in einem Jahr die doppelte Zahl von Jugendlichen auf die Hochschule und den Ausbildungsmarkt drängen.
Schlussfolgerungen
Diesen aufgelisteten Faktoren kann man natürlich nicht mit kurzfristigen Maßahmen entgegenwirken. Dennoch müssen daraus politische Schlussfolgerungen gezogen werden. Dazu gehört meiner Meinung nach an erster Stelle, deutlich mehr Geld in unseren Bildungsbereich zu geben. Nach einem langen Sinkflug steigen die Bildungsinvestitionen seit dem Jahr 2000 zwar wieder ? allerdings in einem viel zu bescheidenem Umfang. Die Studiengebühren sollten wieder zurückgenommen oder zumindest so flankiert werden, dass kein Jugendlicher, ohne große finanzielle Unterstützung der Eltern, Angst haben muss sich zu verschulden. Wichtig ist es Grundlagen/Regeln für Praktika aufzustellen, um zu verhindern, dass Praktika reguläre Arbeits- oder Ausbildungsplätze verdrängen. Arbeitgeber sollten aufhören die Situation von jungen Praktikanten auszunutzen und sie als Ersatz-Arbeitnehmer ohne anständige Entlohnung auszubeuten.
Gemeinsame Standpunkte und Forderungen in diesem Gespräch
Trotz unterschiedlicher Interessen und verschiedener Schwerpunktlegungen konnten in diesem Gespräch mit den Kammern, dem DGB, der Stadt Dortmund und der Arbeitsagentur einige gemeinsame Standpunkte und Forderungen aufgestellt werden:
- Es gibt zahlreiche Unternehmen, die trotz der nicht immer leichten Begleitumstände weiterhin ausbilden. Dies muss honoriert werden und sollte allen anderen Unternehmen als Vorbild dienen.
- Es gibt aber leider auch Unternehmen, welche ausbilden könnten, dies aber aus verschiedenen Gründen nicht tun. Hier muss analysiert werden, welche Gründe vorherrschen und ob Hilfestellungen gegeben werden können, um dem entgegenzuwirken. Dabei muss man besonders auch die neuen Berufe im Auge haben. Zum Beispiel Branchen, die gerade erst entstanden sind und die besondere Hilfestellung beim Aufbau einer Ausbildungsstruktur brauchen.
- Es gibt viele Förderungsmassnahmen von verschiedenen Ebenen. Es ist gut, dass es dieses Engagement gibt, aber einige Maßnahmen sind wenig effizient, teilweise sind sie auch nicht verzahnt oder doppeln sich. Es muss genau überprüft werden, welche Förderungen Sinn machen und welche eher umgeschichtet oder zugespitzt werden sollten. Zudem sollte jede Region strukturiert auflisten, welche Maßnahme von wem unter welchen Voraussetzungen aufgestellt wird. Eine Möglichkeit wäre es einen Kriterienkatalog für diese Maßnahmen zu erstellen.
- Ein wichtiger Punkt bleibt die verbesserungswürdige Information vieler Jugendlicher. Trotz vieler Bemühungen der Arbeitsagentur (Berufsinformationszentrums) und der Kammern kennen viele Jungendliche nicht alle Berufs- und damit Ausbildungsmöglichkeiten. Viele neue Ausbildungsberufe sind in den letzten Jahren entstanden. Die Kammern geben hier ganz praktische Hilfe. So bieten die Handwerkskammer und die IHK jedem, der keinen Ausbildungsplatz findet, ihre Hilfe an. Dazu muss man nur einen Termin vor Ort vereinbaren.
Auch wenn man durch diese Lösungsansätze das Problem sicher nicht lösen wird, könnte man damit zumindest die Situation entschärfen. Jeder Ausbildungsplatz mehr, wäre eine Entlastung für die schwierige Ausbildungssituation und eine Chance für einen jungen Menschen. Es steht in unserer Verantwortung, das Problem zu lösen. Eine Gesellschaft, die immer noch so reich ist wie unsere, die seit Jahren den stärksten konjunkturellen Aufschwung erlebt, darf es sich nicht leisten immer mehr Jugendliche auszuschließen.
Marco Bülow, 04. Dezember 2006


