LeseTipp April 2007
Mein April-Tipp ist einer meiner absoluten Lieblingsromane - Lion Feuchtwanger: ?Die Jüdin von Toledo? (Aufbau Verlag Berlin 1956 / 477S.) Feuchtwanger, geprägt durch zwei Kriege, gehörte zu den verbotenen Autoren des Naziregimes. Er floh vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Frankreich, später in die USA. Die Verfolgung der Juden, nicht nur während des Nazi-Terrors, war Motiv für viele seiner Romane.
Die christliche Welt schreibt das 13. Jahrhundert und befindet sich im Hochmittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge. Das Schicksal Iberiens steht auf Messers Schneide. Die ?Mauren? beherrschen einen großen Teil des heutigen Spaniens. Die römisch-katholische Kirche ruft zu den Waffen, doch der Gegner ist stark und die christlichen Königreiche an den maurischen Grenzen bekriegten sich bisher hauptsächlich untereinander.
Genau in diese Zeit haucht Feuchtwanger seinen Figuren Leben ein. Don Jehuda, ein jüdischer Kaufmann zieht mit seiner Tochter und seinem gelehrtem moslemischen Freund ins christliche Toledo. Er schließt einen Pakt mit Don Alfonso, dem König Kastiliens und kümmert sich als oberster Berater um dessen Wirtschaft. Der König verlangt von Jehuda möglichst viel Gold aus dem Land zu pressen, damit der Krieg gegen die Moslems in Angriff genommen werden kann. Als Gegenleistung bekommt Jehuda Asyl, Einfluss und kann unbehelligt seinem jüdischem Glauben nachgehen.
Hier entwickelt sich das Drama, den Jehuda weiß, dass er sich und die jüdische Gemeinde von Toledo nur in Friedenszeiten schützen kann. Hier beginnt auch die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Jehudas Tochter Raquel und dem König. Feuchtwanger durchdringt verschiedene Milieus, verschiedene Welten, die aufeinander zurasen und deren Aufprall nur eine Frage der Zeit ist. Der Autor jongliert mit den Gegensätzen, aber spielt sie nicht gegeneinander aus. Zwischen den Zeilen verdammt er Krieg, religiösen Fanatismus und Engstirnigkeit. Feuchtwanger stellt Versöhner und Unversöhnliche auf alle Seiten. Es wird deutlich, dass ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen möglich ist, dass sie friedlich nebeneinander oder sogar miteinander leben können, wenn Toleranz das oberste Gebot bleibt. Feuchtwanger beschreibt die Diskurse der Gelehrten mit kraftvollem lebendigem Ausdruck, mit philosophischer Tiefe und einer gelungenen Prise Witz. Beeindruckend ist der mächtige Wissensfundus der sich im Roman entfaltet. Hinzu kommt eine geschwungene Sprache, die auch abschweifende Passagen lesenswert machen. Trotz der Wissensfülle verliert der Leser nicht den Überblick, sondern sieht die ganze Herrlichkeit der Feuchtwangerschen Saat vor sich aufblühen. Er kann sich daran erfreuen, mitleiden und wartet ungeduldig darauf, dass die ausgereifte Ernte eingefahren wird.
Kurze Auszüge aus den Diskursen der handelnden Personen, die den Roman prägen und auszeichnen:
Musa (Jehudas moslemischer Freund):
?Ich bin ein Gläubiger der drei Religionen. Eine jede hat ihr Gutes, und eine jede lehrt Dinge, welche zu glauben die Vernunft sich sträubt.?
?So voll ist die Zeit voll Waffen und Rittern und Eisen und Getöse, daß selbst die Worte des Wissen klirren, statt still zu sein wie das Rauschen des abendlichen Windes in den Wipfeln der Bäume.?
?Eure Kreuzzüge! Es will mir nicht in den Kopf, daß ihr euren Heiland Fürsten des Friedens nennt und fromm und gläubig in seinem Namen zum Kriege aufruft.?
Benjamin (Ein junger Christ)
?Gewiß, die Finsternis ist das Übliche und das Licht die Ausnahme. Doch gerade in der ungeheuren Masse Unlicht ist das bißchen Licht doppelte Freude. Ich bin nicht viel, aber ich wäre gar nichts, wenn ich diese Freude nicht spielen könnte. Ich habe die Zuversicht, daß das Licht bleiben und daß es sich mehren wird. Und meine Schuldigkeit ist, daß ich mein Winziges dazu beitrage.?


