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Lesetipp Januar 2007

In diesem Monat möchte ich ein Buch vorstellen, das ich im November gelesen habe und welches mich auch zwei Monate später immer noch beschäftigt. Es ist ein Roman des deutschen Autors Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten (Suhrkamp / 270 S.)  

Ein Terrorist kommt bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben. Vieles deutet auf eine Exekution des jungen Mannes hin, doch die staatliche Ordnung spielt die Selbstmörderkarte. Christoph Hein spinnt einen Roman um die realen Ereignisse von Bad Kleinen, die niemals wirklich aufgeklärt wurden. Der Autor erzählt allerdings keine Agenten- oder Terroristengeschichte, er stellt den Vater des ?Opfers? in den Mittelpunkt seines Romans. Heins Erzählstil ist schlank, oft sehr nüchtern und teilweise gnadenlos real. Der Leser kann miterleben und nachempfinden, wie es um das Seelenleben des Hauptcharakters bestellt ist, wie er sich verändert. Bei allem Realismus ist der Roman nicht kalt, auch wenn die Vorgänge ein Frösteln hervorrufen. Im Gegenteil, zwischen den Zeilen und in einigen sehr nahe gehenden Passagen pulsieren Emotionen. Auch wenn es abgeschmackt ist, einen Autor in die Nähe eines ganz großen Schriftstellers zu rücken: Dieser Roman erinnert schon an die Kunstfertigkeiten von Böll. Der schnörkellose Satz, der so viel Tiefgang besitzen kann, wird wohl nur von wenigen Autoren beherrscht. Ein großer knapper Roman, den man allerdings nicht unbedingt an trostlosen Novembertagen lesen sollte.  

Leseprobe: Die Hauptfigur des Romans geht in das Zimmer seines Sohnes und vertieft sich in die Bücher, die seinen Sohn gefesselt und geprägt haben:
?Er las abgegriffene Broschüren von ihm unbekannten Autoren und Verlagen, die zumeist mit kämpferischen Signets verziert waren, er las Che Guevara und Gramsci, die Schriften amerikanischer Ökonomen (...) Es ist Lyrik, Rike, sagte er zu seiner Frau, als sie in das Zimmer kam, da sie seine Stimme gehört hatte, reine Lyrik. Oliver hat im Grunde Gedichtbände gelesen, die sich als wissenschaftliche Literatur getarnt haben. Es liest sich wunderbar. Erbaulich und schön wie Korintherbriefe. Wundervolle Worte über eine prächtige zukünftige Welt. Und eigentlich ersetzen sie das, was sie einfordern, sie nehmen es vorweg. Wer sich diesen Worten hingibt, ist bereits im Stande der Glückseligkeit. Das sind keine Terroristen, es sind Träumer, nichts weiter. Natürlich. Diese Autoren stürzen die Welt um, stellen alles vom Kopf auf die Füße, Expropriateure, die geschundene Kreatur wird gekrönt werden, die Tränen der Welt getrocknet. Das ist die Bergpredigt, nichts anderes, Rike, samt Wollmaske mit Augenschlitzen. Freilich, einige von ihnen haben nach einer Kalaschnikow gegriffen, das sind die, die nichts davon verstanden haben, denn in diesen Büchern geht es in Wirklichkeit um Liebe.?