LeseTipp Mai 2007
Diesen Monat möchte ich einen Autobiographischen Roman vorschlagen ? Amos Oz: ?Eine Geschichte von Liebe und Finsternis? (Suhrkamp/ 760 S.) Amos Oz ist einer der bekanntesten und wohl auch besten Schriftsteller Israels. Er gilt als Versöhner und Mahner für den Frieden mit den Palästinensern. In seinem neusten Roman erlaubt er den Lesern einen Einblick in seine Kindheit und Jugend und damit auch in eine Facette des Lebens in Israel.
Die ?Geschichte von Liebe und Finsternis? erzählt vom kleinen und größer werdenden Amos. Sie blickt aber auch auf die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Mit vielen Verzweigungen und Ausläufern, überstrecken die Erzählstränge manchmal Jahrzehnte oder sogar Generationen. Nach und nach entwickelt sich die Autobiographie zu einer persönlichen Aufarbeitung um Amos wichtigstes und fürchterliches Kindheitserlebnis ? dem frühen Tod seiner Mutter. Ein Ereignis, das Oz mit keinem Menschen bisher besprechen konnte. Dies gibt dem Roman eine eindeutige Prägung. Der Tod der Mutter taucht an vielen Stellen auf, bis er die Autobiographie dominiert und viele andere Erzählstrenge die Luft zur Entfaltung nimmt. Oz Roman wird zu einer Tragödie, ohne dass der Autor auf das tragische Ende hinarbeitet oder die Geschichte vor Traurigkeit überlaufen lässt.
Manchmal scheint man als Leser zu erkennen, wie der Autor nach Worten gerungen, wie er mit seinen Gefühlen gekämpft hat und sich dann nicht für den geraden direkten Weg entscheiden konnte. Häufig aber ist Oz gnadenlos offen - vor allem sich selbst und seinen Schwächen gegenüber. Viele Abschnitte, kleinere Geschichten in der Geschichte sind großartig erzählt. Leider endet dieser Lesegenuss dann häufig zu früh oder zu abrupt. Man hofft auf eine Fortsetzung dieses Erzählstrangs, möchte wissen wie es weiter geht, bleibt aber auf seine eigene Phantasie angewiesen. Stark sind die Stellen, in denen Oz von der Israelischen Staatsgründung und den ersten Jahren des neuen Landes schreibt. Es gelingt ihm ?nebenbei? diese wichtige historische Periode in Sequenzen in seine ganz persönliche Geschichte einzuflechten.
Insgesamt halte ich ?Eine Geschichte von Liebe und Finsternis? für einen gelungen melancholischen Roman mit viel Gefühl und einem eigenwilligen Charme. Vor allem zu Beginn ist es aber schwer, sich in der springenden Gedankenwelt von Amos Oz einzufinden. Manche Passagen lassen sich kaum einordnen. Am Ende war ich dennoch froh, dieses Buch gelesen zu haben.


