LeseTipp November 2007
Welches Buch würde sich für den "Schmuddelmonat" besser anbieten als das Frühwerk von Gustave Flaubert: "November" (Insel und weitere Verlage/ 158 S.). Der französische Schriftsteller gehört zu den Klassikern, die sich in vielen Bücherregalen wieder finden. Bekannter als November sind Flauberts Welterfolge Madame Bovary und Salammbo.
November ist eines von wenigen Büchern, die ich bereits dreimal gelesen habe. Beim ersten Mal als 16jähriger, hat es mich aufgewühlt und begeistert, obwohl mich vieles verwirrte und ich danach rang es zu verstehen. Nicht, dass ich heute sicher bin Flaubert vollends zu durchdringen, aber es lichtet sich die Verwirrung. Doch die Schrift wirkt nach und gerade mit Beginn des Herbstes überkam mich das Gefühl, es nochmals zu lesen. Flaubert selbst schreibt später: "Jenes Alter ist vorbei. Dies ist der Abschluß meiner Jugend gewesen, Was mir davon bleibt ist wenig, aber das hält sich gut."
November bleibt eine zeitlose Erzählung, die ähnlich wie Goethes Werther auch heute noch erstaunlich modern ist. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Buch ein Skandal, anstößig, gotteslästerig, sittenwidrig. Dennoch ebnet die stürmische Geschichte Flaubert den Weg in den Literaturolymp.
Ein junger Mann durchlebt die Gefühle seiner Jugend. Er schildert seine Erinnerungen und Erlebnisse und vor allem seine innere Welt, die sich bei ihm nach außen kehrt. November ist voller Bilder, bunt, lebendig oder düster, beängstigend. Es wird die Schönheit zelebriert und die morbide Finsternis beschworen. November kann einen nicht kalt lassen. Die Erzählung erotisiert, versinnlicht, sie begeistert und widert an.
Schriftstellerisch ist das Frühwerk zumindest für alle Romantiker ein Hochgenuss. Ein Gefühlsmensch, der auch der melancholischen Stimmung des Herbstes etwas abgewinnen kann, wird November aufsaugen. Wer nur die nüchterne Lektüre mag und den Überschwang verachtet, der wird nur schweren einen Zugang zu Flaubert finden.
Als Leseprobe eignet sich gleich der Beginn der Erzählung:
"Ich liebe den Herbst; die Jahreszeit der Trauer stimmt gut zu Erinnerungen. Wenn die Bäume kahl sind, wenn am Himmel die tiefroten Farben des Sonnenuntergangs schwimmen und da vergilbte Gras übergolden, dann gewahrst du mit Entzücken, wie alles verlischt, was jüngst noch in dir brannte."
Einige Seiten später dann als Kontrast:
"Wenn man sich abends ergeht, den Duft des jüngst geschnitten Heues atmet, im Wald den Kuckuck rufen hört, zu funkelnden Sternen aufschaut, dann, ja dann ist das Herz reiner, tiefer durchflutet von Luft, Licht und Azur als der friedvolle Horizont, wo Himmel und Erde sich in stillem Kusse finden."


