LeseTipp Oktober
Den Herbst möchte ich einläuten mit dem Buch des türkischen Schriftstellers Yassar Kemal: ?Brennende Disteln? (Goldmann/ 607 S.). Kemal hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und gilt als einer der erfolgreichsten türkischen Schriftsteller. 1997 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
?Brennende Disteln? ist der zweite Roman von Yassar Kemals Memed-Trilogie. Drei Bücher über das Leben eines Rebellen und Freiheitskämpfer. Jeder Teil ist einzeln ohne Brüche lesbar, jedes Buch ist ein eigenes Leseereignis. Schnell wird man in die eigene Welt der Bauern, Beys und Rebellen gezogen. Die Menschen bekommen Konturen, die Landschaften entfalten Reize, Geräusche und Gerüche. Kemal ist ein Romantiker, der die bunten leuchtenden Farben liebt. Mit ihnen malt er Leidenschaft, Leid und nahezu alle anderen Facetten des Lebens. Seine Naturbeschreibungen sind opulent, sie künden von der Liebe des Autors zu seiner Heimat. Manch Beschreibung scheint zu dick aufgetragen, zu grell, so dass die Handlung in den Hintergrund gerät. Einige charakteristische Züge der Romanfiguren sind überzeichnet. Zu viele Protagonisten wiederholen ihre bedeutungsschwangeren Sätze und Gedanken. Wenn man sich von alledem nicht ablenken lässt oder diesen Stil sogar genießen kann, dann bekommt man vergnügliche Lesestunden geliefert
Im Mittelpunkt des Romans steht Memed Ince, ein kleiner schmächtiger Mann. Memed wird durch den Mord eines Tyrannen zu einem geächteten, verfolgtem Verbrecher, aber auch zu dem verehrten, rebellischen Helden. Genau in diesem Spannungsverhältnis flüchtet Memed von Versteck zu Versteck. Er grübelt über die Folgen seiner Tat, die zwar den Tyrann beseitigt hat, an dessen Stelle aber noch ein größerer Tyrann getreten ist. Lohnt sich der Kampf der Obrigkeit, welche die Menschen ausbeutet? Ist er wirklich der Held, der Befreier, den viele Bauern in ihm sehen? Während Memed in einem tiefen Gewissenskonflikt gerissen wird, wird die Situation der Menschen immer schlechter. Ein einflussreicher Bey beansprucht das Land für sich und will die Bauern vertreiben. Die Lage spitzt sich zu und alle fragen sich, ob der Retter Memed endlich wieder handeln wird.
Gleich zu Beginn des Romans erschafft Kemal dem Leser die Landschaft, in der die Handlung ihren Lauf nimmt (Leseprobe):
?Im Süden der Anavarza-Ebene fließt der Ceyhan. Schnurgerade bahnt er seinen Weg ohne größere Windungen hinüber zu den Felsen von Anavarza. An manchen Orten haben seine Wasser den Boden tief ausgehöhlt. Das ausgewaschene Erdreich stürzt von Zeit zu Zeit ein und versinkt mit lauten Donnern in den Fluten. Da und dort öffnen sich Abgründe, so steil, als hätte man sie mit dem Schwert eingekerbt, Zeichen ständiger Einbrüche, Klüfte mit gezackten Rändern, die zur Wasserseite hin abfallen und am Flussufer kleine Sandbuchten bilden.?


