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Lesetipp Dezember 2008 / Januar 2009

Für die Winterzeit habe ich ein Buch herausgesucht, das man sich als anspruchvollen ?Schmöker? in der Weihnachtspause gönnen könnte.

?Die Füchse im Weinberg? (Aufbau Verlag) gehört zu den großen historischen Romanen Lion Feuchtwangers. Er schrieb diesen Roman im amerikanischen Exil 1946/1947. Sein Interesse an der amerikanischen Entstehungsgeschichte brachte Feuchtwanger schnell zum Grundthema seines Romans: Die französische Unterstützung des amerikanischen Befreiungskampfes. Feuchtwanger fasziniert daran besonders, dass so unterschiedliche Menschen ?wie Beaumarchais, Benjamin Franklin, Ludwig XVI., Marie Antoinette, Voltaire und Lavayette, ein jeder aus sehr anderen Gründen, zusammen helfen mußten, die Amerikanische Revolution zum Erfolg zu führen." (Feuchtwanger in seinem Nachwort zur Ausgabe von 1952).

Feuchtwangers ?Füchse im Weinberg? ist ein opulenter Roman über Politik und Macht, über Krieg und Freiheitskampf, über Intrigen, über Kultur und Philosophie. Im Mittelpunkt steht Paris und Versailles 1776-1778, obwohl der Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die Engländer den Bezugspunkt für die handelnden Personen in Frankreich bildet. Berühmtheiten, wie Franklin, Voltaire, Ludwig XVI, prägen die Geschehnisse ebenso, wie die damals schillernde Persönlichkeit, aber heute vergessene Beaumarchais. Feuchtwanger hat einen Roman der Helden kreiert: Protagonisten, die gerne Helden gewesen wären, Personen die wirklich als Helden in die Geschichte eingegangen sind und die stillen Helden, die heute keiner mehr kennt, die aber viel bewirkt haben. All denen haucht Feuchtwanger Leben und Menschlichkeit ein. Feuchtwanger kennt kein reines Schwarz und Weiß und unterscheidet nicht nach eindeutig Gut oder Böse. Seine Figuren weisen alle Schattierungen menschlicher Stärken und Schwächen auf. Es gelingt Feuchtwanger seine Protagonisten aus der Verklärung herauszuholen, sie in ein realistisches Bild zu setzen. Schon deshalb ist ihm ein großer Roman gelungen.

Zudem macht Feuchtwanger die spannende Zeit der siebziger Jahre im 18. Jahrhundert erfahrbar. Statt trockener und belehrender Auflistung der Geschehnisse wird dem Leser eine interessante Welt voller Ereignisse und Farben präsentiert, die man gerne miterleben möchte. An einigen Stellen verzweigt sich die Geschichte jedoch in zu viele Fäden und Fasern, die zwar nicht durch Langatmigkeit geprägt sind, aber doch einige Leser verwirren könnten. Feuchtwanger belässt es nicht bei einer oder zwei Hauptfiguren, ergänzt durch einige Nebenrollen, er setzt auf mehrere Protagonisten, welche die unterschiedlichsten menschlichen Facetten offenbaren und als Gesamtbild einen besonderen Eindruck der Menschen in dieser Zeit vermitteln.

Die vielen philosophischen, politischen Dialoge und Schilderungen sind das Salz dieses Romans.

Sehr bemerkenswert und hochaktuell ist ein längerer Abschnitt am Ende des Buches, in dem Benjamin Franklin darüber sinniert, dass auch in dem jungen Staat der USA die Zeit kommen wird, wo die Machtverhältnisse starr und konservativ geworden sind und es erneut an der Zeit wäre, diese Erstarrung zu bekämpfen. Insgesamt also ein unterhaltsamer und empfehlenswerter Roman, den man aber möglichst in kurzer Zeit und in einem Rutsch lesen sollte, damit man der Handlung besser bis zum Schluss folgen kann.

 

Hier drei Auszüge über zwei große Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts:

- Die Klage Voltaires über die ach so anständigen Bürger, die ihren Anstand nicht nutzen, um aufzubegehren: ?Das schlimme an den anständigen Leuten ist, (...) daß sie so feige sind; sie schimpfen über das Unrecht, machen das Maul wieder zu, essen zu Abend, gehen schlafen und vergessen.?

- Eine Beschreibung Voltaires: ?Mit ihm hinab sanken zahllose ungeborene Dramen und Epen und wunderbare Essays. Mit ihm hinab sank ein Verstand von blitzender Schärfe, eine grenzenlose Begier und Kunst, zu spotten, ein unbezwinglicher, kindisch-naiver Geltungsdrang. Mit ihm hinab sank ein Geist, der in vielen kleinen Dingen über alles Maß hinaus selbstsüchtig verlogen war und in allen großen Dingen kämpferisch aufrichtig ohne Maß. Mit ihm hinab sank ein Wesen, gemischt aus schäbigstem Geiz und blinder Verschwendung, schamlos habsüchtig und großartig wohltätig. Mit ihm hinab sank ein ungeheures Wissen und die erstaunlichste Fähigkeit, Brücken zu schlagen von einem Gebiet des Geistes zum andern. Mit ihm hinab sank ein brennendes Verlangen, Erkenntnis über die Welt zu verbreiten, ein flammender Hass gegen Intoleranz, Aberglauben, Unwissenheit, Ungerechtigkeit. Mit ihm hinab sank ein Geist, gemacht, zu wirken in die weiteste Weite und die fernste Zeit.?

- Benjamin Franklins Traum: ?Ich träume von einer Zeit, da nicht nur die Liebe zur Freiheit, sondern auch ein tiefes Gefühl für die Menschenrechte in allen Nationen der Erde lebt. Ich träume von einem Zeitalter, da Leute wie wir, wohin immer auf dem Planet wir unsere Schritte lenken mögen, sagen dürfen: Hier bin ich zu Hause?.