Lesetipp Juni 2008
Bevor der Sommer in seine Hochphase kommt und man nicht nur beim Essen, sondern auch beim Lesen lieber nur auf leichte Kost zurückgreift, möchte ich ein Buch vorstellen, das schwebend daherkommt und doch schwerer verdaulich ist. Einen Roman, der gnadenlos realistisch, aber auch wunderschön erzählt, poetisch und sehr aussagekräftig ist: Louis de Bernières: ?Ein Traum aus Stein und Federn? (Fischer / 672 S.) Bernières, 1954 in London geboren, ist ein Weltreisender, ein Cosmopolit. Sein bekanntester Roman ?Corellis Mandoline? ist erfolgreich verfilmt worden.
Vor etwa hundert Jahren lebten im osmanischen Reich Muslime, Christen und Juden einträglich nebeneinander. So auch in einem kleinen westanatolischen Ort, dem Hauptschauplatz dieses Romans. Bernières schildert mit kleinen Geschichten das Leben, die Gewohnheiten, die Ansichten der Bewohner. Er hat einen atemberaubend epischen Roman, einen schillernden Ausschnitt eines Kosmos? geschaffen, der die volle Schönheit und Grausamkeit des Lebens zeigt. Es erzählt die Geschichte zweier Freunde, die gerne frei wie Vögel wären und die alle Erfahrungen miteinander teilen; eines Moslems, der von Kindheit an eine Christin liebt und nach und nach ihr Herz gewinnt; eines Imans, der das Leben einer zur Steinigung geführten Frau rettet; eines griechischen Lehrmeisters, der von der Auferstehung des byzantinischen Reiches träumt und einiger anderer Menschen, die es überall so geben könnte.
Dazwischen skizziert der Autor das Leben von Mustafa Kemal, der als Kemal Atatürk zum Begründer des modernen türkischen Staates wird.
Das marode überkommende osmanische Reich zerfällt. Nationalismus und Krieg prägen das Weltgeschehen und einst verbundene Menschen werden gegeneinander aufwiegelt. Grausam werden auch viele der Dorfbewohner in den Sog dieser Auswirkungen hineingerissen.
Bernières Schilderungen über den 1. Weltkrieg offenbaren die volle brutale Härte der Auseinandersetzung und zeigen die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch die ethnischen Vertreibungen und Verfolgungen auf allen Seiten werden dem Leser drastisch und real vor Augen geführt. ?Gott hat sie als Kain und Abel geschaffen, und wer immer gerade den Knüppel in der Hand hat, übernimmt den Part des Kain. Wer gerade Pech hat und den Abel spielen muss, nützt die Gelegenheit und bejammert die Grausamkeit des anderen.? Schonung gibt es nicht, Hoffnung nur wenig. Dabei bleiben die Romanfiguren trotz aller Grausamkeiten Menschen, mit ihren Stärken, mit ihren Schwächen, mit ihren Irrungen und den Versuchungen, denen sie nur zu gern erlegen sind. Bernières Ausführungen beschönigen wenig, dennoch sind sie einfühlsam und poetisch geschrieben. ?Selbst wenn die Schuld ein Pelzmantel wäre und die Erde läge unter dickem Schne, ich würde lieber erfrieren, als diesen Mantel anzuziehen?.
Es erwarten einen 700 hundert pralle Seiten voller Liebe, Leid, Hoffnung, Hass und Vergänglichkeit. Eine Schilderung des Lebens, wie es überall vorkommt. Eine Offenbarung und Enttarnung der menschlichen Natur in allen Facetten. Die Lektüre kostet Durchhaltevermögen, einige Nerven und zieht viele Gedanken nach sich. Doch die Entschädigung ist wertvoll. Es ist eines der Bücher, von denen man zehren kann und an die man sich zurückerinnert, wenn die Handlungen der meisten anderen gelesenen Romane schon verblasst sind. Wenn Bernières eine seiner kleinen Geschichten ausgebaut hätte, wenn er den vorhandenen hoffnungsvollen Momenten etwas mehr Raum gegeben hätte, dann wäre der Roman nicht besser, aber sicher noch erfolgreicher. Dennoch, wer statt der üblichen historischen Berieselungsunterhaltung, auf einen anspruchsvollen Geschichtsroman setzt, der sollte sich unbedingt an Bernières ?Traum aus Stein und Federn? heranwagen.


