Lesetipp Mai 08
Im Mai 2008 jährt sich zum 75. Mal die von den Nationalsozialisten überall in Deutschland inszenierte Bücherverbrennung. Sie stellten einen frühen Höhepunkt staatlicher Gewalt des NS-Regimes gegen demokratische, sozialistische, liberale und pazifistische Intellektuelle dar. Viele Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler erhielten in der Folge Arbeits- und Publikationsverbote, wurden ausgebürgert, zur Flucht ins Exil gezwungen, verfolgt und ermordet.
Unter ihnen war auch Stefan Zweig, der sich in seinen Schriften immer wieder gegen Totalitarismus, Fanatismus und Intoleranz zur Wehr setzte. Sein Engagement machte ihn für die Nationalsozialisten zu einem der verachtetsten Schriftsteller. Bereits 1934 musste Zweig nach London emigrieren. Die Untaten der Faschisten und die Emigration überforderten den Schriftsteller. 1942 nahm sich Stefan Zweig das Leben. Das NS-Regime wollte mit der Verbrennung, den Verboten und Ausweisungen die Schriftsteller und ihre Werke auch aus den Köpfen der Menschen verbannen. Es ist wichtig, dass wir immer wieder daran erinnern, dass dies nicht gelungen ist und die Bücherverbrennung in eine nachträgliche Niederlage umwandeln. Dies geschieht am Besten, indem man die Werke der verfemten Schriftsteller wieder zu Tage befördert, sie liest und weiterempfiehlt. Stefan Zweig gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern und ich empfehle deshalb gerne seine spannende autobiographische Schrift: ?Die Welt von Gestern? (Fischer / 512 S.).
Stefan Zweigs Kindheit und Jugend ist geprägt von der bürgerlichen und kulturreichen Atmosphäre Wiens im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er wuchs in einem wohlhabenden, jüdischen Elternhaus auf. Schon als Jugendlicher war er begeistert von der Literatur und veröffentlichte früh einige Gedichte. Während des Studiums lebte Stefan Zweig in Berlin. Er wurde stark humanistisch geprägt und begegnete zahlreichen deutschen Persönlichkeiten. Der erste Weltkrieg bedrückte den überzeugten Europäer. Schlimmer noch empfand er das Aufkommen des Nationalsozialismus und den durch ihn verursachten Zweiten Weltkrieg und die Massenvernichtung der Juden.
?Die Welt von Gestern? ist keine übliche Autobiographie, auch wenn das Buch einiges von Zweigs Gefühlen und Erlebnissen preisgibt. Vielmehr aber ist es ein beeindruckendes Zeugnis seiner Zeit. Es zeichnet die Geschichte seiner Generation nach. Der Leser bekommt einen Eindruck von den Geschehnissen, der Stimmung und den Lebensumständen der Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg. Dabei reduziert sich der Autor nicht auf einen darstellenden Beobachter. Er bezieht leidenschaftlich Stellung, versucht ein Dokument gegen fortschreitende Intoleranz und Fanatismus zu setzen. Stefan Zweig hat gerade den heutigen Generationen, die seine Zeit nicht miterlebt haben und höchstens aus verstaubten Geschichtsbüchern her kennen, ein beeindruckendes Zeitdokument hinterlassen. Weil das Buch zudem gut geschrieben und unterhaltsam ist, kann ich es nur jedem sehr empfehlen.


