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Lesetipp November 2008

1517 erscheint das Werk eines der größten Humanisten seiner Zeit: Utopia von Thomas Morus. Der gelernte Jurist dient England als Friedensschlichter und Unterschatzkanzler. Im Jahr 1529 erklimmt Morus als Lordkanzler von England den Gipfel seiner politischen Karriere. Nur sechs Jahre später wird er für seine Überzeugung, die er mit keinem politischen Amt abgelegt hatte, hingerichtet. Seine Richter und Henker sind längst vergessen, doch Morus Gedanken blieben uns auch durch Utopia erhalten. Damit dies auch so bleibt, empfehle ich für ein nasskaltes Wochenende: Thomas Morus: Utopia (Insel / 250 S.)

Morus Utopia wird mit Platons Politeia in einem Atemzug genannt und bietet heute noch viel Stoff für Diskussionen und weiterführende Gedanken. In einigen Punkten ist das Werk geradezu aktuell. Morus setzte sich bereits vor knapp 500 Jahren mit Themen wie die Gleichberechtigung von Frauen nicht nur in der Gesellschaft, sondern in der katholischen Kirche auseinander. Er erörterte das Für und Wider über  Fragen, wie zum Beispiel die aktive Sterbehilfe, die auch heute noch umstritten sind.

Morus hat mit Utopia eine Welt geschaffen, wie er sie gern gesehen hätte. Sie entsteht über das erzählerische Stilmittel eines Gespräches. Ein Reisender berichtet Morus und seinem Freund Petrus Aegidius von seinem fünfjährigen Aufenthalt auf der fernen Insel Utopia. So bekommt der Leser einen Überblick über die dortige Lebensweise, den Staatsaufbau, Kultur und Wirtschaft. Utopia wird zum Synonym für eine bessere Welt, eine gerechte Gesellschaft ohne Unterdrückung und Not. Gleichzeitig steht es für ein Wunschtraum, der bezüglich der Natur des Menschen kaum zu verwirklichen, also für utopisch gilt. Genau dies bleiben die bis heute spannenden Fragen: Kann es die gerechte, friedliche Gesellschaft wirklich geben? Muss jeder Mensch nicht darauf hinarbeiten, Utopia zu realisieren? oder ist die Vision von Morus nur eine schönes Märchen, eine antiquierte unerfüllbare Hoffnung?

Sicher würde Morus selbst, Utopia heute ein moderneres, mit neuen Facetten ausgestattetes Gesicht geben. Sicher haben die letzten 500 Jahre einige Hoffnungen Morus erfüllt oder sind ihnen zumindest deutlich näher gekommen. Sicher würden wir andere Deutungen und Beschreibungen heute sogar als nicht besonders ?human? von uns weisen. Aber gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts bleibt die Hoffnung Morus auf eine glückliche, gerechte Welt für alle Völker und Menschen nicht nur unerfüllt, sondern  unsere dringlichste Herausforderung. Ein heute nachdenklicher Leser von Utopia könnte und sollte neben dem Lächeln über Morus Utopien schon einige ernstere Gedanken über unsere Lebensweise und Entwicklung in den Sinn kommen.

Ich kann nur jedem empfehlen, Morus Utopias zu lesen und über den ein oder anderen Fingerzeig oder die ein oder andere Frage nachzudenken. Wenn das Büchlein auch ein philosophisches Werk ist, wirkt es weder antiquiert, noch ist es unverständlich oder sehr komplex.  Also, rein lesen, inspirieren lassen ? die ein oder andere aufgehende Utopie könnten wir in unserer technisierten und kommerzialisierten Welt gut gebrauchen!