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Lesetipp Oktober 2008

In Frankreich gehört Marcel Pagnol zu den bekannten Schriftstellern, in Deutschland kennen ihn leider nur wenige. Zu Unrecht, denn Pagnols Schreibstil ist unterhaltend und niveauvoll. Er griff gesellschaftliche Themen auf, die universelle Geltung besitzen, obwohl ihre Schauplätze hauptsächlich in Pagnols Heimat, der Provence, liegen. So auch bei dieser Empfehlung: Marcel Pagnol: Die Wasser der Hügel (Piper / 422 S.). 

Im Zentrum des Romans sprudelt eine kostbare Quelle. Für die Bewohner eines kleinen Dorfes in der sommerheißen Hochebene bei Marseille ist Wasser überlebenswichtig. Für die Hauptfiguren dieses Buches kann es allerdings Fluch und Segen bedeuten. Für einige wird es gar zur Tragödie.

Pagnol ist eine wunderbare Mileustudie über das harte Leben einer hauptsächlich bäurischen Bevölkerung in Südfrankreich vor fast 100 Jahren gelungen. Er erweckt Figuren und Szenerien zum Leben, man glaubt direkt am Schauplatz zu sein. Gnadenlos kommen die Schwächen der Menschen zum Vorschein, wie man sie zu jeder Zeit und an jeden Ort miterleben kann. Sein Stil ist schnörkellos, realistisch und dennoch sehr kunstfertig. Er erinnert ein wenig an Zola, auch wenn Pagnols Schilderungen weniger drastisch und hoffnungslos ausfallen.

Neben einer spannenden Handlung erwarten die Leser der Duft und die Farben der ländlichen Provence. Wer einmal den Atem von Rosmarin und Lavendel mit der leichten Salznote des nahen Meeres inhaliert und dabei die malerische Landschaft genossen hat, dem wird unweigerlich das Fernweh überfallen. Aber auch alle anderen sollten sich von Pagnol verführen lassen.

Beispielhaft ist Pagnols Einstieg, als er den Ort beschreibt, welcher den Schauplatz für das Buch bildet. Seite 5: ?Les Bastides Blanche war eine Gemeinde von 150 Einwohnern auf einem der letzten Ausläufer des Etoile-Massivs, zwei Meilen von der Aubagne entfernt ... dorthin führte eine unbeflasterte Landstraße mit so abrupter Steigung, dass sie von weitem senkrecht wirkte, und zur Gebirgsseite setzte sie sich nur als ein Maultierpfad fort, von dem einige Fußwege zum Himmel strebten?.

Gelungen sind die kurzen Beschreibungen der einzelnen Einwohner. Beispiel Seite 9: ?Der Bäcker war ein dicker Bursche von 30 Jahren, er hatte schöne Zähne und glattes, ganz schwarzes, aber immer mehlbestaubtes Haar .Er lachte gern und interessierte sich für alle Frauen des Dorfes, sogar für seine eigene, ein schönes Mädchen von 20 Jahren, die ihn vergötterte. Er hieß Martial Chabert, da er aber immer nur der Bäcker genannt wurde, hatte man seinen Namen vergessen.?