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Lesetipp September 2008

Diesmal möchte ich ein Buch von einem Autor empfehlen, mit dem ich lange nicht warm geworden bin. Einige Male habe ich versucht, einen seiner Romane zu lesen und habe die Lektüre dann jedes Mal abgebrochen. Zudem hatte mich seine Rede mit der ?Faschismus-Keule? abgeschreckt und weitere Leseversuche vereitelt. Doch nun kam dieses schmale Buch heraus und machte mich neugierig. Den Autor brauche ich nicht näher vorstellen. Es handelt sich um Martin Walser und sein jüngstes Werk: ?Ein liebender Mann? (Rowohlt / 284 S.)

Bei bekannten Autoren neigt man gern und häufig zu Lobpreisungen. Dieses Buch hat sie verdient. Es ist ergreifend, sinnlich, tragisch. Man glaubt sie zu kennen, die Geschichte vom älteren Mann, der sich in eine deutlich jüngere Frau verliebt. Nichts ist abgedroschener und dennoch gelingt Walser mit der Schilderung über den liebenden 73jährigen Goethe ein kleines Meisterwerk. Der Leser wird sprachlich in die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts versetzt. Er erfährt Goethes Gedanken, Wünsche und Hoffnungen. Er nimmt Teil an seinen Unterhaltungen und dem Briefwechsel mit seiner Angebeteten. Die schöne Konversation, das Spiel mit den Worten und das Drama der Liebe stehen im Vordergrund dieses einfühlsamen Romans. Wunderschöne Sätze und Liebeserklärungen, die heute viel zu selten geworden sind, werden in diesem Buch lebendig.

?Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt.? ?Ihre Augen, ach, Sie wissen es ja schon von mir, Ihre Augen sind das Bezwingende schlechthin. Ihre Unwiderstehlichkeit, das ist Ihr Blick, mit dem keiner fertig wird. Wie das Meer haben Ihre Augen die Farbe immer vom Himmel, aber was das Meer nicht hat, dazu haben sie eben auch noch die Farbmacht Ihres inneren Himmels?

Stellenweise gleitet die Handlung ins kitschige ab ? aber auf eine stilvolle Art und Weise, die sich gekonnt abhebt vom Fliessband-Kitsch einer Pilcher oder Gabaldon. Nicht immer bleibt der Text kurzweilig, aber kann man wegen der schwelgenden und berauschenden Passagen verschmerzen. Auch wer bisher keinen Zugang zu Walser gefunden hat, sollte es mit diesem Roman noch einmal versuchen.