Lesetipp Mai / Juni 2009
Für ein recht schmales Buch mit dichtem und tiefsinnigem Inhalt möchte ich diesmal werben. Es handelt sich dabei um Nâzim Hikmet: Die Romatiker (Suhrkamp, 264 Seiten). Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren und wuchs in der kosmopolitischen Atmosphäre Istanbuls auf. Zeitlebens blieb er politisch engagiert und verbrachte deshalb sechzehn Jahre im Gefängnis und zwölf Jahre im Exil. Bekannt wurde Hikmet als einer der größten türkischen Dichter, aber neben den vielen Versbänden schuf Hikmet auch diesen autobiographisch gefärbten Roman.
In einer anatolischen Hütte wartet 1924 ein junger Türke auf seinen möglichen Tod. Er wurde von einem tollwütigen Hund gebissen und durchlebt die vierwöchige Inkubationszeit. Da er als sozialistischer Aktivist gesucht wird, kann er nicht zum Arzt und beobachtet deshalb, ob die in einem Buch beschriebenen Symptome auftauchen. In dieser Zeit erinnert er sich an seine Erlebnisse in der Türkei, seine Gefangenschaften und sein Exil in Russland. Vor allem denkt er an seine große Liebe Anuschka. Der junge Mann symbolisiert Hikmets eigenes Leben. Erst ein Jahr vor seinem Tod 1962 vollendete der Dichter seinen Roman.
Hikmets Selbstzeugnis ist mal vertrackt, mal verstörend, mal romantisch traurig. Durch die immer wieder aufblitzende Lebensfreude und seine Selbstironie hat der Autor aber ein lebendiges und lesenswertes Werk geschaffen. "Die Romantiker" ist keine luftig leichte Sommerlektüre, es ist kein Thriller und kein klassischer historischer Roman. Wer etwas über das Leben Hikmets, über die Seele der damaligen Revolutionäre oder einfach nur einen tiefgründigen Roman lesen will, den wird der Romantiker Hikmet allerdings ans Herz wachsen.


