Lesetipp Juli / August 2010
Diesmal gibt es an dieser Stelle einen Lesetipp von Thomas Wisniewski:
Herta Müller „Der König verneigt sich und tötet“ (Hanser Verlag, 208 Seiten)
„Wer ist Herta Müller? Hast du schon einmal ein Buch von ihr gelesen?“ Diese Fragen kursierten in meinem Freundeskreis als Herta Müller im Jahr 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt.
Herta Müller ist in Rumänien geboren. Seit 1987 lebt sie in Deutschland. Sie schreibt über ihr Leben in Rumänien: über das totalitäre System des ehemaligen rumänischen Staatschefs Nicolae Ceauşescu, über den Tod von Freunden, über die ständige Observation und die endlosen Verhöre. Sie schreibt auch über das Leben in Deutschland. Wie kommt man als Exilant in einem neuen Land zu Recht? Wie vergisst man? Kann man überhaupt Greueltaten, Folter, vor allem psychische Folter vergessen? Sie macht das literarisch - mit einer unglaublichen Kraft und Schönheit. Doch kann man mit schönen Worten Schreckenstaten beschreiben?
Ceauşescus war von 1967 bis 1989 Staatspräsident Rumäniens. Er ließ sich „der Auserwählte“ oder „unser irdischer Gott“ nennen. Mit der Geheimpolizei Securitate schaltete er seine Gegner und die politische Opposition aus. In dem 2003 geschriebenen Buch schildert Herta Müller den Alltag während des Regimes. Verhöre und Observation der Geheimpolizei, die Ausübung von psychischem Druck und sogar Todesdrohungen waren an der Tagesordnung. Herta Müller sucht im Schreiben eine Zuflucht. Eine Zuflucht in ein normales Leben. Dort konnte sie auch schreiben, was sie denkt und empfindet:
„Erst in den nächsten Jahren hatte ich Freunde, die beschattet und regelmäßig verhört, deren Wohnungen durchsucht, deren Manuskripte beschlagnahmt, die …verhaftet wurden. Was ich bis dahin als beklemmende Atmosphäre spürte, wurde konkrete Angst. Die Freunde wurden gequält, ich wusste genau wo und wie. Ganze Tage sprachen wir darüber, zwischen Witz und Furcht, draufgängerisch und verstört suchten wir Auswege, die es aber nirgends gab…Die Repressalien rückten mir ins Leben. Und ein paar Jahre später rückten sie mir auf die Haut – ich sollte in der Fabrik meine Kollegen bespitzeln und weigerte mich. Und alles, was ich von Freunden über Verhöre, Hausdurchsuchungen, Todesdrohungen wusste, wiederholte sich an mir.“
Beeindruckend. Beklemmend. Herta Müller gelingt es, mit ihren Worten ihre Angst, aber auch ihre Überlebenslust zu zeigen. Sie hat Repressionen und die Zensur des „Königs“ ertragen und überstanden. Sie hat mit ihrer Sprache, mit ihrer Poesie Befreiung und den Traum nach Normalität gesucht und gefunden. Herta Müller erinnert an das Grauen, das es auch in vielen anderen Ländern noch heute gibt. Die Schönheit ihrer Sprache zeigt das auf eindringliche Weise, und berührt. Das ist unglaublich wichtig. Denn vergessen wird heute sehr schnell.
Ich weiß jetzt, wer Herta Müller ist. Ich habe schon einmal ein Buch von ihr gelesen.


