Lesetipp März / April 2010
Diesmal gibt es an dieser Stelle einen Lesetipp von Henrike Ostwald:
Ich möchte gerne den Roman Schilf von Juli Zeh (btb, 381 Seiten) vorstellen. Juli Zeh ist mit ihren 36 Jahren bereits eine der am meisten gelesenen und von Kritikern regelmäßig gefeierten deutschen Autorinnen. In „Schilf“ gelingt es ihr einen Krimi mit einer Liebes- und Familiengeschichte und Überlegungen über die Beschaffenheit der Welt zu verbinden:
Im Mittelpunkt des Romans stehen die drei Hauptfiguren Sebastian, Oskar und Kommissar Schilf. Die beiden jungen Männer Sebastian und Oskar sind durch eine besonders enge Freundschaft miteinander verbunden und kennen sich seit ihres Physik-Studiums in Freiburg. Während Oskar, der talentiertere von beiden, zum wissenschaftlichen Überflieger aufsteigt, entscheidet sich Sebastian neben der Karriere auch für Heirat und Kind. Am Beginn der Geschichte steht die Ergreifung des sogenannten „Zeitmaschinenmörders“, der von sich behauptet aus einer anderen Zeit und Welt zu kommen, in der alle seine Opfer noch leben, und daher auf Unschuldigkeit plädiert. Sebastian wird als Experte für die „Viele-Welten-Theorie“ zu dem Fall befragt und erklärt öffentlichkeitswirksam seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über mehrere, sich überlagernde Realitäten. Oskar teilt Sebastians Theorie nicht und fordert ihn in einem Fernsehduell heraus – es kommt zu einem ersten Bruch in der Freundschaft. Kurz darauf wird Sebastians kleiner Sohn entführt und die Geschichte nimmt ihren Lauf: Der Physiker bekommt sein Kind nur zurück wenn er einen Mord begeht. Mit einem Mal geht alles schief. Sebastian stürzt in eine Tragödie, die er nicht mehr kontrollieren und aus der auch Oskar ihm nicht heraushelfen kann. Hier kommt Kommissar Schilf ins Spiel. Der nicht mehr ganz junge, etwas schrullige aber dennoch geniale Polizist soll den Mord aufklären und das entführte Kind finden. Am Ende nimmt die nervenaufreibende Geschichte eine vollkommen unerwartete Wendung und hinterlässt den Leser staunend.
Juli Zeh gelingt es in ihrem Roman „Schilf“ einmal mehr, Figuren zu entwerfen, die durch ihre Präsenz und Präzision aber auch durch ihre Unzulänglichkeiten faszinieren und dadurch irgendwie liebenswert sind. Die verwobene und etwas schräge Geschichte ist intelligent, teilweise auch humorvoll erzählt und nimmt den Leser von Beginn an in ihren Bann. Juli Zehs deutliche Sprache erfasst Gefühle, Beziehungen, Stimmungen und Situationen so klar, dass oft wenige Worte ausreichen, um ein scharfes Bild zu zeichnen. Wenn das Ende so manchem auch ein wenig konstruiert erscheinen mag, ist „Schilf“ insgesamt ein unterhaltsames, spannendes und kluges Buch, das soviel mehr ist als ein Krimi.


