Bloß nicht abheben

Tagebucheintrag November 2002 (ICE Berlin-Dortmund)

Mir ist etwas schummerig. Normalerweise kann ich im Zug lesen und arbeiten, ohne dass mein Magen rebelliert. Dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, die turbulenten Wochen Revue passieren zu lassen. War der Wahlkampf schon ereignisreich und spannend, haben mich die letzten Wochen regelrecht überrollt. Vorlagen und Papiere ohne Ende, ein Termin nach dem anderen. Plenum, Ausschuss- und Fraktionssitzung, Arbeitsgruppentreffen, Meetings mit EU-Kommissarin und Bundesumweltminister, Gespräche mit einzelnen Abgeordneten, den Youngsters, meinem Büro und so weiter. Daneben der Versuch die Bürostruktur aufzubauen und neben tausenden von Vorlagen und Erklärungen auch die Zeitungen zu lesen. Dazu die Geschwindigkeit, mit der alles durchgepeitscht wurde. Eingewöhnungszeit? Fehlanzeige!

Dennoch ist alles spannend und aufregend. Manchmal etwas zu aufregend, vor allem deshalb, weil mich die Medientermine heftig in Beschlag genommen haben. Fast kein Tag ohne Interview oder Statement, fast keine Fraktionssitzung ohne die Kameras vom ARD-Hauptstadtstudio. Eigentlich eine sehr gute Sache, die Berichterstattung über die „Vier unter der Kuppel“. Allerdings, wie alle anderen Interviews auch, mit Risiken versehen. Spätestens beim Murren über die Rentendiskussion wird es heikel. Jedes nicht ganz eindeutige Wort könnte und wird überzeichnet. Die Schlagzeile bringt nicht meine inhaltlichen Bedenken, sondern münzt die sachliche Kritik in einen persönlichen Angriff auf die Bundesministerin um. Danach ist Krisenmanagement angesagt. Langsam greift bei mir die Erkenntnis, einen Gang herunter zu schalten, nicht jedes Interview zu geben. Noch habe ich hier in Berlin nichts geleistet, meine politische Arbeit in Dortmund zählt hier nicht. Also erst einmal beweisen, dass ich zu Recht gewählt wurde, dass ich eine gute fachliche Arbeit ablegen kann. Allein dass es einem gelingt, in die Medien zu kommen, reicht nicht aus. Nun ruft aber erstmal der Wahlkreis mit vielen Terminen vor Ort. Wieder bleibt wenig Zeit, mich stärker inhaltlich einzuarbeiten.

Der ICE läuft gerade zur Höchstgeschwindigkeit auf, als mir klar wird, dass es gar nicht so gut ist, fünf Sitzungswochen hintereinander zu haben. Nach kurzer Zeit steckt man so tief in der Arbeit, dass man alles Sonstige verdrängt. Man spielt in einer anderen Liga, dabei bleibt der Wahlkreis die Basis des Abgeordneten. Dort ist nicht nur sein private, sondern auch seine politische Heimat. Ohne den Wahlkreis keine Arbeit im Bundestag, ohne Ortsvereine und die vielen Unterstützer kein MdB Bülow. Ich nehme mir fest vor, mir diesen doch so einfachen Grundsatz immer wieder bewusst zu machen. Bloß nicht abheben...