Durchatmen

Tagebucheintrag 23. Oktober 2002 (IC Berlin-Dortmund)

Nicht nur die ostwestfälische Landschaft, sondern auch die ersten zwei Amtswochen rauschen an meinem Gesichtsfeld vorbei. Der neue Bundestag hat sich konstituiert. Der alte Kanzler ist auch der neue Kanzler, ausgestattet mit einem kleineren, veränderten Kabinett und einer geschmolzenen Mehrheit. Die Ausschussverteilung ist so gut wie abgeschlossen, Posten und Pöstchen sind vorverteilt. Wohl nicht nur für mich aufregende Wochen.

Immer mehr realisiere ich, dass ich nun da sitze und arbeite, wo ich so gern hinwollte. Natürlich haben sich auch schon – wie sollte es anders sein – die ersten Schatten eingestellt, beispielsweise das übliche untransparente Prozedere, mit dem Funktionen und Ausschussbesetzungen vorgenommen werden. An diese Mechanismen will ich mich zwar nicht gewöhnen, aber kennen tu ich sie nur zu gut. In Berlin sind die Dimensionen zwar deutlich größer, aber die Politik läuft auch hier nach ähnlichen Mustern wie in Dortmund und wahrscheinlich auch anderswo. Geschockt bin ich deshalb nicht, vor allem weil das großartige Gefühl gewählt zu sein, immer noch anhält.

1000 neue Eindrücke, 1000 neue Gesichter, 1000 neue Infos sind zu verarbeiten, zu erforschen und zu Bekanntem, Vertrautem zu machen. Noch sauge ich alles wie ein Schwamm auf. Dabei beschränkt sich das nicht nur auf die Politik. Auch Berlin, das Leben in Berlin, ist mehr als nur ein interessanter Beiklang. Nur einen Bruchteil der Berliner Luft konnte ich aufschnappen. Doch schon der reicht, um alles noch spannender zu finden und mich hier recht schnell wohl zu fühlen. Was für ein riesiges Kulturangebot, dass jeder Dreitage-Tourist noch nicht mal streifen kann.

Natürlich ist Berlin auch ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, dennoch bilde ich mir ein, einen kleinen Eindruck von „dem Berliner“ bekommen zu haben, den es so vielleicht gar nicht gibt. Für mich jedenfalls hat „der Berliner“ eine ähnliche Mentalität wie „der Ruhri“. Nein im Ernst, ich hab mich wahrscheinlich auch deshalb so schnell wohl gefühlt in Berlin, weil mir die Offenheit, die Hilfsbereitschaft und das lose Mundwerk nicht weniger Berliner so positiv vertraut ist.

Nun denn, der Zug rollt in nun mehr gut 30 Minuten in Dortmund ein und nach über zwei Wochen ununterbrochener Verweildauer in Berlin, freue ich mich doch sehr, wenigstens ein verlängertes Wochenende wieder zu Hause zu verbringen.