Unter der Kuppel

Tagebucheintrag 17. Oktober 2002 (Reichstag - Konstituierung)

Mein Blick gleitet zur Kuppel. Sie ist transparent. Man kann von hier unten die Leute herum gehen sehen. Vor einiger Zeit bin ich noch selbst oben herum gelaufen und habe mich gefragt, wie es sein mag, einmal dort unten zu sein. Jetzt sitze ich hier, erwartungsvoll und mit einem leichten Kribbeln im Bauch. Die konstituierende Sitzung wird eröffnet, mein Abgeordnetendasein unter der Kuppel beginnt.

Es ist schwierig mein Gefühl zu beschreiben. Klar ist es irgendwie erhebend. Ich spüre deutlich die politische und ein wenig die historische Verantwortung, die ein jeder von uns 603 Abgeordneten zu tragen hat. Feierlich ist mir allerdings nicht zu Mute. Dafür sorgt auch gleich der kleinkarierte Auftakt der Opposition, die entgegen aller Gepflogenheiten unsere Leute für das Bundestagspräsidium nicht mitwählen. Ihre Vorschläge dagegen erhalten unsere Stimmen. Schon bei der ersten Abstimmung fällt es mir schwer, mich an die Vorgaben meiner Fraktion zu halten und egal was kommt, auch die Kandidaten der FDP und Union mit zu wählen.

Ewig dauert diese Abstimmungszeremonie. Eine Wahl nach der anderen, nicht elektronisch, sondern ganz traditionell mit Stimmkarte und Urne. Die gehobene Stimmung verraucht etwas, flackert aber wieder auf, als die erste Sitzung beendet wird und sich der Plenarsaal zu leeren beginnt. Ich bleibe noch einige Minuten sitzen und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Das ist er also, der Bundestag. Eingebettet im alten Reichstagsgebäude mit einer gläsernen Kuppel überzogen. Bleibt abzuwarten, ob die Symbolik der gläsernen Kuppel, auch auf die Transparenz unserer Politik abfärbt - oder sich doch eher als eine ein- und ausschließende Käseglocke entpuppt.