Der Krieg geht weiter

Tagebucheintrag 4. April 2003 (ICE Berlin-Dortmund)

Immer noch Krieg. Kein schneller und natürlich auch kein unblutiger Krieg. Immer mehr Soldaten, Bomben und Opfer. Propaganda auf beiden Seiten. International geächtete Streubomben contra grausame Selbstmordattentäter. Bilderfluten, Nachrichtenlawinen jeden Tag. Ich dachte schon, dass ich langsam abstumpfen würde - dann sah ich eine Sondersendung, die mich bei allem schrecklichen Grauen noch weiter entsetzte. Britische Soldatenfrauen berichteten darüber, wie stolz sie auf ihre Männer sind. Eine Frau mittleren Alters blickte lächelnd in die Kamera. Nicht gezwungen, nicht aufgesetzt. Sie scheint fröhlich zu sein. Sie sagte, sie freue sich für ihren Mann. Sie haben ihm "viel Spaß" gewünscht. Endlich dürfte er "genießen", wofür er so lange hart gearbeitet hätte. Mir blieb beim Anblick der entspannten Gesichtzüge der Frau die Luft weg. VIEL SPASS. Nicht viel Glück, alles Gute oder pass auf dich auf - nein, viel Spaß. Es wurde noch unerträglicher, als die beiden anderen Frauen ähnliche Kommentare abgaben.
Die Sendung lief letzten Samstag, vor sechs Tagen. Jedes mal, wenn ich nun Soldaten in den Nachrichten sehe, läuft es mir noch kälter den Rücken runter. Kann es wirklich Menschen geben, die dabei Spaß empfinden? Haben wir immer noch nichts dazu gelernt? Wir leben hier in unserer heilen Welt und können wahrscheinlich kaum nachempfinden, wie grausam ein Krieg ist, falls wir nicht noch den 2. Weltkrieg miterleben mussten. Aber so abgestumpft dürfen wir doch niemals werden. Ich hoffe, dass die drei Frauen und ihre Männer nur Ausnahmen sind und nicht noch viele andere so denken. Ansonsten wäre die Aufgabe noch viel immenser, den Krieg endlich aus unserer Welt zu verbannen.