Einfache Lösung

Tagebucheintrag 14. Oktober 2003 (ICE Dortmund-Berlin)

Der ICE rauscht in Richtung Berlin, wo mich eine sicherlich spannende Sitzungswoche erwartet. Ich bin immer noch nicht ganz auf dem Damm und hoffe, dass es nicht ganz so stressig wird, wie es das Programm der Sitzungswoche erwarten lässt. Mein Optimismus ist aber gewachsen, weil ich auch die letzte Woche im Wahlkreis trotz meiner gesundheitlichen Probleme ganz gut hinbekommen habe. Eine Woche im Zeichen der Bundespolitik. Gemeinsam mit den Gliederungen vor Ort wollte ich mit einer "Bundespolitischen Woche" deutlich machen, daß ich mich nicht nur im Wahlkampf auf der Straße oder in den Versammlungsräumen den Bürgerinnen und Bürgern stelle. Natürlich macht das fast jeder Abgeordnete in fast jeder Nichtsitzungswoche. Doch selten mit solch einem geballten Programm, viel Aufwand und verstärkter Öffentlichkeitsarbeit. Gerade bei der im Augenblick miesen Stimmung kein leichtes Unterfangen. Ich glaube aber, dass es sich gelohnt hat. Auf dem Marktplatz eines Dortmunder Vororts haben sie mich zwar mehr als in die Mangel genommen, aber ich glaube, sie haben auch wahrgenommen, dass ich mich nicht nur zeige, wenn es angenehm für mich ist. Auch die inhaltlichen Veranstaltungen sind gut gelaufen, weil doch einige neue Gesichter aufgetaucht sind, die sich für meine Arbeit und meine inhaltlichen Positionen interessiert haben. Natürlich gab es viel Kritik, aber die muss ich mir eben bieten lassen. Trotzdem ist es wichtig, die Stimmung hautnah zu erleben und sie im Rucksack nach Berlin mitzunehmen.
Leben muss ich auch mit denjenigen, die ohne Unterlass kritisieren und die Antwort gar nicht abwarten. Wütend allerdings machen mich Bürger und leider auch einige Parteigenossen, die genug Gelegenheit haben, mir die Kritik ins Gesicht zu sagen, aber lieber im Hintergrund hetzen und schlechte Stimmung verbreiten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es dann gar nicht darum geht, dass wir besser werden, was zu verändern, sondern es wichtig ist, Kritik um der Kritik Willen zu üben. Nicht unverbreitet in meiner Partei, vielleicht sogar insgesamt in Deutschland. Ich bin ebenfalls sicher nicht mit allen Entscheidungen der Regierung zufrieden, aber mancher Kritikhagel will uns Glauben machen, dass es vielen Deutschen so schlecht geht, daß sie hungern müssten und nicht wissen wie sie über den Winter kommen sollen. Für alles trägt natürlich die Regierung die Verantwortung. Wenn sie besser regieren würde, dann würde allen das Schlaraffenland bevorstehen. Wenn nur alles so einfach wäre. Wir Politiker sind aber mitschuldig am überlagernden Pessimismus und dem Glauben an die einfachen Lösungen. Wenn wir nur nicht ständig versprechen würden, wenn man uns wählt, dann würde die Arbeitslosigkeit verschwinden, das Wachstum kommen, der Wohlstand stetig neue Blüten treiben. Dies alles mit einfachen Lösungen. Dabei ist die Welt komplizierter geworden, viele Probleme sind globalisiert, viele Versäumnisse älter als eine Legislaturperiode. Die Politiker behaupten, sie könnten es richten und die Wähler glauben es ihnen immer wieder gerne, um die Verantwortung los zu sein. Es ist halt so schön, sich alles so einfach zu machen. Es wäre aber noch viel schöner, wenn sowohl die Politiker, als auch die Wähler endlich anfangen zu begreifen, dass wir alle gemeinsam eine Verantwortung für unser Land und für diese Welt haben. Eine Verantwortung, die aber auch eine Herausforderung darstellen kann. Eine Herausforderung, die zwar nicht mit einfachen Lösungen zu bewältigen ist, der man sich aber Hand in Hand und Schritt für Schritt zuversichtlich stellen kann.