Kanzlerdinner

Tagebucheintrag 4. März 2003 (ICE Berlin-Dortmund)

Betriebsschaden vor der Stadt Minden. Die Zugfahrt verzögert sich. Eine gute Gelegenheit, den Anlass zu schildern, der mich außerplanmäßig nach Berlin führte.
Kerzenlicht, gelöste Stimmung, Dinner mit Künstlern und Kanzler. Gerhard Schröder löste sein Versprechen ein, das er einer Künstlerinitiative bei der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung in der Westfalenhalle gegeben hatte. Er lud die Künstlerinnen und Künstler zum Dinner ins Willy-Brandt-Haus. Hatten diese sich doch im Wahlkampf für Rot-Grün ins Zeug gelegt. Die Initiative entstand ganz spontan im Ruhrgebiet. In kürzester Zeit waren ihr über 100 Künstler beigetreten, organisierten selbst ein Plakat und bezogen Stellung für weitere vier Jahre Rot-Grün. Dies wollten sie auch jetzt wieder tun. Hintergrund diesmal, der drohende Irakkrieg. Schröder erläuterte in etwas persönlicheren Worten, das Kanzlerkorsett am Eingang abgelegt, seine Haltung. Breite Zustimmung. Die Künstler waren nicht mit leeren Händen gekommen. Wieder spontan, kreierten sie ein zusammengesetztes Kunstwerk, ein Kubus-Mahnmal gegen den Krieg.
Ich war als der örtliche Abgeordnete eingeladen, der gemeinsam mit dem grünen Kandidaten vor Ort Kontakt zu den Künstlern aufgebaut hat. Eine gute Gelegenheit, einige von den engagierten Künstlern besser kennen zu lernen. Es wird mir nochmals bewusst, wie wichtig es ist, wenn sich die verschiedenen Gruppen zu Wort melden und sich einmischen. Dazu gehören sicher nicht nur die, die einen unterstützen. Dazu gehören vor allem diejenigen, die nicht nur als Lobbygruppe für sich selbst auftreten, sondern sich auch Gedanken um ihre Mitmenschen und die Welt machen. Eben diejenigen, die nicht nur jammern und kritisieren, sondern auch bereit sind, selbst mit anzupacken. Genau zu diesem Schlag gehören die Mitglieder der Künstlerinitiative. Es war sehr interessant, mit ihnen zu diskutieren, ihre Sicht der Dinge kennen zu lernen. Es ist für mich außerordentlich wichtig, immer wieder mit den unterschiedlichsten Gruppen außerhalb der Politik zusammen zu kommen. Es ist allzu einfach, sich als Politiker abzuschotten und nur noch unter seinesgleichen zu bleiben, bis einen die Käseglocke vollends verschluckt hat.