Krieg

Tagebucheintrag 21. März 2003 (ICE Berlin-Dortmund)

Eigentlich wäre vieles zu der Regierungserklärung des Kanzlers und über die direkten Reaktionen zu sagen. Ich könnte auch schildern, wie es dazu kam, dass ich in diesen letzten vier Tagen ca. 55 Stunden gearbeitet habe, was selbst für Parlamentstage viel Holz ist. Doch heute gibt es wohl hauptsächlich ein Thema, was uns alle beschäftigt: DER KRIEG.
Schon einige Male saß ich im ICE und habe daran gedacht, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ich an diesen Aufzeichnungen schreibe und der Krieg begonnen hätte. Jetzt, etwa 18 Stunden nachdem die US-Streitkräfte ihre Offensive begonnen haben, weiß ich es. Ich fühle mich hundeelend. Da nützt es auch nichts, dass man sich während des Ultimatums darauf einstellen konnte. Die Hoffung stirbt zuletzt.
Jetzt werden tausende von unschuldigen Kindern, Frauen und Männern der Uneinsichtigkeit eines Diktators und der Besessenheit eines US-Präsidenten zum Opfer fallen. Die zusätzlichen Risiken, die der Krieg noch mit sich bringen wird, sind kaum zu erahnen.
Die größte Angst habe ich davor, dass wir am Rande einer neuen Weltordnung stehen. Eine Weltordnung, in der eine Supermacht den Krieg wieder als ein bevorzugtes Mittel einsetzt. Eine Weltordnung, in der das Gewaltmonopol nicht bei der Weltgemeinschaft liegt, die sich aufmacht, den Kampf gegen unmenschliche Diktaturen, gegen den Terrorismus, gegen Hunger und Vertreibung und gegen die fortschreitende Umweltzerstörung gemeinsam anzugehen. Es wächst meine Wut gegenüber bornierten Machthabern, die meinen, die Welt gehört ihnen, sie könnten sich als Herr über Leben und Tod aufschwingen und dazu auch noch den Namen Gottes missbrauchen.
Ich werde Widerstand leisten, auch wenn ich nur ein ganz kleines Rädchen in einem überdimensionierten Getriebe bin. Aber viele Rädchen leisten bereits Widerstand und es müssen immer mehr werden. Die Diktatoren dieser Welt sind nicht allmächtig und auch nicht die Regierung der USA.
Wir Europäer müssen lernen, dass wir nicht wegschauen dürfen, wenn die Menschenrechte dieser Welt mit Füßen getreten werden, der Raubbau an der Natur rasend fortschreitet und wir sehenden Auges der Klimakatastrophe entgegenstreben. Die US-Amerikaner müssen vor allem lernen, dass nicht alle Konflikte - schon gar nicht die eigenen Interessen - mit Waffengewalt zu lösen sind. Und sie müssen lernen, dass der Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt und der Aufbau eines zerstörten Landes nicht nur den anderen zu überlassen ist. Hoffentlich lernen wir alle sehr schnell.