Rede

Tagebucheintrag 31. Januar 2003

Für die meisten Parlamentarier war es wohl eine ganz normale Sitzungswoche. Nicht für mich. „Sie“ ging mir schon schon die ganze Woche durch den Kopf. Es war schwierig, sich dabei auf die übliche Arbeit zu konzentrieren und sich nur nebenher auf „Sie“ vorzubereiten. Zwei Spätschichten musste ich einlegen. „Sie“, die erste Rede, sollte doch möglichst gut gelingen.

Dann endlich, Freitag, 9 Uhr, der Präsident eröffnete die Sitzung. Erst kurz vorher erfuhr ich, dass nicht wie verabredet der Minister, sondern ich die Debatte eröffnen sollte. Das Plenum ist nicht so leer wie üblich. Es geht um kein Randthema, sondern um eines der Rot-Grünen Zukunftsprojekte: Die Förderung der Erneuerbaren Energien. Das Thema, das mich schon seit langem bewegt und umtreibt und zudem ich nun sprechen darf. Der Kampf um das Rederecht innerhalb der Fraktion war nicht ohne, aber ich habe letztlich die Chance bekommen. Ich ging mit etwas feuchten Händen und einem kleinen Frosch im Hals ans Pult. Das Herz schlug etwas stärker, rutschte mir aber nicht in die Hose. Ich hatte die Rede ausformuliert, obwohl ich mich generell lieber an Stichworten orientiere. Das Risiko war mir dann aber zu groß. Ich hoffte darauf, dennoch einige Sätze frei zu sprechen und bei den wichtigen Stellen ins Plenum zu schauen.

Ich begann mit einem Sprichwort. Es wirkte etwas holprig, dann aber kam ich langsam in Fahrt. Mein erster Absatz saß - der Applaus beruhigte mich. Danach ging ich zum Angriff auf die Opposition über. Ich erntete Unruhe und Zwischenrufe bei der Union. Dies motivierte mich eher, als das es mich aus dem Konzept brachte. Als sie das merkten, beruhigten sie sich wieder etwas. Dann, zwei, drei Sekunden blickte ich völlig irritiert zur Anzeige auf dem Pult. So wenig Zeit sollte ich nur noch haben? Drei von acht Minuten sind mir nur noch geblieben? Ich schluckte. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass die angezeigte Redezeit am Pult rückwärts läuft. Mir blieben jetzt also noch knapp fünf Minuten und drei hatte ich erst geredet. Anfängerfehler. Mein Blutdruck senkte sich wieder und ich konnte in Ruhe weiter die Vorzüge der Erneuerbaren Energien preisen. Nach acht Minuten endete ich dann auch mit einer Punktlandung. Der Weg zur ersten Sitzungsreihe zurück war kurz. Applaus und Glückwünsche empfingen mich. Die Feuertaufe hatte ich überstanden.