Wahldebakel

Tagebucheintrag 4. Februar 2003 (ICE Berlin-Dortmund)

Obwohl es nicht überraschend kommt, hat die Wucht des gestrigen Debakels bei den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen bei mir einiges in Bewegung gesetzt. Ich konnte mich gestern kaum auf etwas anderes konzentrieren, als über das "Warum" zu sinnieren? Und über die Konsequenz des Ergebnisses nachzudenken. Bis spät in die Nacht rumorte es in meinem Kopf und ein Ende ist kaum absehbar. Ich werde die Zugfahrt nutzen, meine bisherigen Gedanken aufzuschreiben und vielleicht etwas zu ordnen.
Ich habe ausführlich die Zeitungsberichte zur Wahl und die ersten Mitteilungen einiger meiner Kolleginnen und Kollegen gelesen. Alles Gelesene greift für mich zu kurz. Ja, wir haben Fehler - zu viele Fehler - gemacht. Es gibt zig Ansatzpunkte, die uns weiterhelfen könnten. Ich werde allerdings das dumpfe Gefühl nicht los, dass wir auch ohne nennenswerte Fehler, ohne Kakophonie, mit einer offensiven und vor allem offenen Regierungspolitik bei den Landtagswahlen bestraft worden wären. Aber selbst wenn es so wäre, darf dies kein Grund zur Resignation sein - sondern eher die Pflicht zu einer tiefer gehenden Analyse. Die Abstrafung der Sozialdemokratie ist das eine, aber die Belohnung einer alternativlosen Opposition macht mich deutlich nachdenklicher.
Entfernt sich die Bevölkerung zusehends von der Politik oder die Politik von der Bevölkerung? Wandeln wir uns immer stärker zu einer Gefühlsdemokratie ohne fundierte und differenzierte Betrachtung? Reicht es als Opposition die Regierungspolitik medienwirksam zu verdammen? Tausend Fragen, die danach schreien, beantwortet zu werden oder sich zunehmend zu einem großen schwarzen Loch entwickeln werden.
Heute habe ich noch drei Veranstaltungen an der Basis. Ich bin gespannt, ob es dort außer Fragen auch einige Antworten gibt.