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Tagebucheintrag 21. September 2005

 

Weil in Berlin bei der ersten Fraktionssitzung nach der Wahl nicht besonders erwähnenswertes vorgefallen ist, bleibt mir für die Rückfahrt die Möglichkeit, meine Aufzeichnungen von gestern noch zu ergänzen, denn bisher habe ich wegen der tausend Dinge, die mir im Kopf herumschwirren, nichts über meinen Wahlkreis erzählt.

 

Dabei ist das Ergebnis in Dortmund wirklich sehr erfreulich. Mit über 56 Prozent habe ich nun wahrlich nicht gerechnet. Still gehofft hatte ich zwischenzeitlich mit gut über 50 Prozent bei den Erststimmen. Es zeigt doch, dass sich die Arbeit und auch der engagierte Wahlkampf gelohnt haben. Die SPD bleibt in Dortmund deutlich die stärkste Kraft. Persönlich freut mich, dass ich bei den Erstimmen mit gut 8 Prozent über den Zweitstimmen im Wahlkreis liege. Das ist mehr als beim letzten Mal und es ist mehr als die deutliche Mehrheit meiner sozialdemokratischen Kollegen erreicht hat.

 

Manchmal beschleicht einen ja schon die Frage, ob das alles so richtig ist, was man tut. Vor allem die Kritik unter der Gürtellinie belastet mich doch mehr, als ich zugeben möchte. Dabei vergesse ich manchmal, dass es auch noch die meist schweigende Mehrheit gibt, bei denen aber durchaus Menschen dabei sind, die genau beobachten, was der Abgeordnete alles macht und die bei der Wahl am Ende entscheiden, ob sie ihn wieder- oder abwählen sollen. So hatte ich einen Mann am Stand, der zu mir kam und mich daran erinnerte, dass er schon bei der Wahl zuvor ein Gespräch mit mir geführt hatte. Damals sagte er mir, dass ich sicher auch wieder so ein typischer Politiker sei, der in erster Linie nur an sich selbst denken würde und nach der Wahl zum Abgeordneten wohl immer nur den Weg des geringsten Widerstands gehen würde. Jetzt aber meinte er, würde er mich wählen, weil er sich damals wohl getäuscht hätte. Er hätte genau verfolgt, was ich in den drei Jahren gemacht habe. Dabei hätte er bemerkt, dass ich mich durchaus nicht nur stromlinienförmig verhalten hätte. Zudem hätte ich mein Einkommen offen gelegt und mein Versprechen als transparenter Abgeordneter eingehalten. Dies hätte ihn veranlasst, nicht nur mich zu wählen, sondern auch insgesamt nicht so schnell Vorverurteilungen über Politiker auszusprechen.

 

Mit Kritik ist man immer schneller bei der Hand als mit Lob, was ich leider auch an mir selber feststellen kann. Aber weil gerade in diesem Wahlkampf auch der Zuspruch und das Lob an meiner Person gewachsen ist, motiviert es mich, meine Arbeit fortzusetzen - und dies eben nicht immer angepasst und stromlinienförmig.