Watte und Platzeck

Tagebucheintrag 15. November 2005

 

Der Intercity führt mich heute Abend von Karlsruhe in die Heimat. Nach den bangen Tagen nach Müntes Rückzug schlug jetzt die Stunde von Matthias Platzeck. Ein mehr als gelungener Einstand gelang dem neuen Hoffnungsträger heute auf dem Parteitag. Eine tolle Antrittsrede wurde mit einem Wahlergebnis von nahezu 100% belohnt. Viele hatten ihn bisher noch nie so hautnah erlebt. Es war eine Rede aus einem Guss. Vor allem war es aber die Rede eines Mannes, der sich bodenständig und bescheiden gibt, der die Diskussion sucht, der die Partei mitnehmen will, der nicht jammert, sondern mit Optimismus an die Arbeit geht, ohne die Probleme zu kaschieren. Wann hatte es das letzte Mal eine Rede von unserer Spitze gegeben, die so wichtig war und die so viele Menschen mitgenommen hat? Ich neige nicht zur Heldenverehrung und zu Sentimentalitäten, aber diese Rede hat mich fast schon gerührt. Bei mir löste es viele meiner unguten Gefühle und erhellte meine trübe Stimmung, die mich am Tag zuvor noch bleiern umfangen hatte.

 

Der erste Tag des Parteitags war wie in Watte gestopft und die Delegierten hatten sich fast selbst betäubt. Anders war es nicht zu erklären, dass wieder einmal Frust und Unmut hinsichtlich der völlig überfälligen Debatte über den Zustand der SPD unterdrückt und verdrängt wurde. Eine breite Lähmung zog sich über das Plenum. Selbst die Jubeltiraden bei Müntes und Schröders Abschied wirkten mechanisch und teilweise gezwungen. Aber Müntefering baute mit versöhnlichen Worten und Gesten eine Brücke zu seinem Nachfolger. Dessen großer Tag sollte der Dienstag sein. Hoffnung keimt auf. Ich bin mir bewusst darüber, was jetzt für ein Erwartungsdruck auf dem Brandenburger lastet, aber ich hoffe, dass er seine bodenständige offene Art beibehält und die Partei wieder nach vorne bringt. Doch eins ist klar: Egal wie stark Platzeck sein wird, er braucht die Unterstützung guter Leute und das Engagement vieler Parteimitglieder, damit die SPD wieder zu einer lebendigen Volkspartei wird, die begeistert und Wahlen gewinnt. Ich werde versuchen, meinen Beitrag dazu zu leisten.