Hitze

Tagebucheintrag 2. Juni 2008

 

Endlich sitze ich wieder im Zug nach Berlin. Noch mit Gehstützen und Orthese, aber immerhin reicht es wieder für eine Sitzungswoche. 75 Minuten Verspätung und die Ankündigung durch die Lautsprecher, dass die Strecke blockiert ist und sich die Ankunft am nächsten Bahnhof weiter verzögert. Dazu gefühlte 45 Grad (wegen einer ausgefallenen Klimaanlage), der Zug proppevoll, mein Knie geschwollen. Eine Frau mit zwei Kindern ist völlig am routieren, der Schaffner überfordert, die Mitreisenden gereizt. Alles in allem, ein gelungener Start nach der Rekonvaleszenz.

 

Mal sehen, was die Woche sonst noch bringt. Eigentlich wollen wir einen Teil des Klimapaketes beschließen. Beschlüsse, die schlechter sein könnten. Unsere Klimaschutzziele werden wir damit aber noch nicht erreichen. Der „schlafende Riese“ der erneuerbaren Wärmeenergie wird nur zaghaft versucht zu wecken. Gute Ergebnisse gibt es beim Erneuerbaren Energien Gesetz und bei der kränkelnden Kraftwärmekoppelung (nähere Infos zu den Teilbereichen auf der Internetseite). Wieder einmal gab es ein hartes Gerangel mit der Union. Trotz aller öffentlichen Signale der Kanzlerin scheint das Klima für die Konservativen noch immer ein Störthema zu sein (auch bei uns bleiben einige bei ihren antiquierten Einstellungen zur Energiepolitik). Und die Kanzlerin hält sich raus aus den Verhandlungen. Bei ihr bleibt es dabei: International glänzen, die Innenpolitik links liegenlassen. Dies alles mit Erfolg. Ihre Sympathiewerte sind gut, warum sollte sie also etwas ändern. Doch Klima-Kanzlerin sollte man sie tunlichst nicht mehr nennen.

 

Vielleicht bringt die Hitzewelle wieder etwas Schwung in die Klimadebatte. In einigen Teilen Süddeutschlands reiht sich ein Wärmegewitter an das nächste. Wasser in rauen Mengen. Im Nordosten der Republik dagegen haben großflächige Landesteile keinen einzigen Tropfen Regen abbekommen. Insgesamt war der Mai aber auf jeden Fall einer der wärmsten Wonnemonate überhaupt. Mal schauen, wie der Juni wird. Klar ist, dass wir alle zwei bis vier Jahre mit Rekordsommern zu rechnen haben. Das ist gut für die Bierlokale, aber schlecht für die Landwirte, für die Kinder, die ältere Menschen (vor allem in Ballungsgebieten) und bedenklich für die großen Kraftwerke, die viel Wasser zu Kühlung benötigen. Die Liste ließe sich natürlich fortführen. Auch wenn es makaber klingt, vielleicht ist es dennoch gut, dass die Menschen mitbekommen, dass die Klimaerwärmung nicht eine Theorie ist, etwas, das uns eventuell irgendwann mal ereilen wird. Nur was man spürt, bewegt einem zu handeln, zum Beispiel doch über die Notwendigkeit des Billigflugs zumindest mal nachzudenken. Als letztes Jahr in Deutschland der Sommer kühler ausgefallen ist, gab es schon wieder viele Schlagzeilen, die von einer Abkühlung des Klimas sprachen. Leider haben die meisten es immer noch nicht begriffen. Es ist natürlich viel bequemer das Problem zu verdrängen und den Kopf in den Sand zu stecken. Wenn die Spritpreise steigen, dann kocht die Wut, man spürt die zusätzlichen Kosten sofort. Die steigenden Folgekosten des Klimawandels (für den Fall, dass wir jetzt nicht handeln) spüren wir nicht unmittelbar, da können wir darüber hinwegsehen. Natürlich wird es auch in Zukunft immer noch kühlere Sommer und auch kältere Jahre geben. Aber sie werden seltener und die Häufigkeit von Hitzesommern nimmt zu. Insgesamt wird es wärmer, vor allem im globalen Maßstab. Weltweit gesehen gehörte auch 2007 zu den wärmsten Jahren überhaupt. Mal sehen, ob wir – die Menschen – wirklich so klug sind, wie wir immer glauben. Bisher lernen wir nur sehr langsam, viel zu langsam, doch wir waren immer wieder für Überraschungen gut. Im Negativen, wie im Positiven.