Kaputtes Knie, angeschlagene Partei

Tagebucheintrag 4. März 2008

 

Eigentlich würde ich jetzt in Berlin mitten in der Sitzungswoche stecken und sicher keine Zeit haben, in mein Tagebuch zu schreiben. Stattdessen warte ich auf einen OP-Termin. 13 Jahre nach meinem letzten Kreuzbandriss und sechs Jahre nach den letzten beiden Knieoperationen, hat es jetzt mein linkes Knie erwischt. Das Schreiben im Intercity fällt erstmal flach. Laut Kernspinaufnahme ist ein Kreuzband durch, das zweite angerissen und der Meniskus angeschlagen. Das war es dann wohl endgültig mit dem Kicken. In Zukunft werde ich mich mit dem Schauen von Fußball begnügen müssen. Hauptsache ich kann zumindest wieder Joggen, Rad fahren und Wandern.

 

Die Kolleginnen und Kollegen in Berlin müssen jetzt für mich mitarbeiten. Ich hoffe, dass ich schnell wieder auf den Beinen bin. Gerade die Termine im Wahlkreis möchte ich nicht allzu lange ausfallen lassen. Aber immerhin habe ich jetzt Zeit über einige Dinge mal in Ruhe nachzudenken. Über Langeweile kann ich mich nicht beklagen. Es geht durch meine Einschränkung unglaublich viel Zeit bei den einfachsten Tätigkeiten verloren. Dazu kommen Arzttermine und nach dem Krankenhaus dann hoffentlich die Reha-Maßnahmen.

 

Leider ist nicht nur mein Knie angeschlagen, sondern auch die Partei. Dies haben wir uns zum Teil selbst zuzuschreiben. Natürlich war es mehr als ungeschickt kurz vor der Hamburgwahl über mögliche Koalitionen und Duldungen zu sprechen.  Es war ein Fehler im hessischen Wahlkampf eventuelle Duldungen auszuschließen und dann den Wortbruch zu riskieren. Eine Partei sollte immer nur für sich selbst und nicht für Koalitionen kämpfen. Dann entscheiden die Bürgerinnen und Bürger und lassen häufig eh nur wenige Möglichkeiten übrig. Die Parteien müssen dann entscheiden ob die verbleibenden Koalitionen machbar sind und welchem Preis man dafür zu zahlen hat. Wenn jeder von vornherein verschiedene Möglichkeiten ausschließt, könnte am Ende niemand regierungsfähig sein.

 

Trotz der Fehler von Beck und Ypsilanti richten den größten innerparteilichen Schaden diejenigen an, die keine Kamera auslassen, um den Erfolg in Hessen schlecht zu reden und Beck anzugreifen. Interessanterweise sind es genau diejenigen, die jahrelang jede inhaltliche Kritik am Schröderkurs strengstens verurteilt und uneingeschränkte Solidarität und Loyalität eingefordert haben. Die gewählten Parteigremien haben klare Beschlüsse gefasst, die von Einzelnen jetzt desavouiert werden. Dies kann nur dazu führen, dass die Zustimmung zur SPD schrumpft.

 

Unglaublich finde ich, wie sich ein großer Teil der Medien an der Hatz gegen Beck und die SPD beteiligen. Obwohl es fast einstimmige Beschlüsse im Parteivorstand und Parteirat zu dem vorgeschlagenen Kurs von Beck gab, stellen sie die Kritiker und die Kritik in den Vordergrund. Es wird kein gutes Haar daran gelassen, dass die Länder selbst über ihre Koalitionsmöglichkeiten bestimmen sollen, obwohl dies doch eigentlich selbstverständlich sein sollte. Der von vielen Medien mitinitiierte moralische Aufschrei, wäre nur dann glaubwürdig, wenn er auch bei der Hamburger Koalition der CDU mit der rechtspopulistischen Schillpartei stattgefunden hätte. Damals ging es nicht mal nur um eine mögliche Duldung, sondern um eine Koalition mit dem rechten Schill als Senator. Es gab keinen Aufschrei, kaum bohrende Fragen der Journalisten, schnell ist man zumindest außerhalb Hamburgs zur Tagesordnung übergegangen.  Die Spitze der Bundes-CDU wurde gar nicht mit dem Thema konfrontiert. Merkel bleibt es erspart sich dafür zu rechtfertigen, dass ihre Union mit „Rechten“ zusammenarbeitet.

 

Sind immer noch viele auf dem rechten Augen blind? Verzerrt sich dadurch der Blick nach links? Es erinnert ein wenig an die Anfänge der Erfolge von den GRÜNEN, die auch in vielen Medien skandalisiert wurden. Ich verabscheue Lafontaines Rachefeldzug gegen die SPD. Ich weiß, dass es in der Linkspartei Populisten, Altkader und Träumer gibt. Westerwelle kann ich aber mindestens genau so wenig ausstehen wie den neuen Vorsitzenden der Linken. Populisten gibt es in allen Parteien und die Union hatte kein Problem damit, die strammsten Blockflöten in ihre Partei einzugliedern. Und Träumer sind mir meist lieber als eiskalte Realisten, die Politik als reines Machtgeschäft sehen, und verlernt haben, Visionen zu entwerfen. Ich würde mir bei der ganzen Debatte mehr Ausgewogenheit wünschen, in meiner Partei und bei den Medien.