Schwarz und Weiß

Tagebucheintrag 1. Juli 2008

 

Die EM ist zu Ende und das politische Berlin hat nun offiziell die Sommerpause eingeläutet. Wenn man aber genauer hinschaut, wird gerade die sitzungsfreie Zeit genutzt, um endlich inhaltlich und konzeptionell zu arbeiten. Auch ich nutze die nächsten Wochen dazu, „Liegengebliebenes“ aufzuarbeiten und mich wieder etwas stärker in einige Themen hineinzufinden. Dazu kommen noch einige Termine im Wahlkreis, bevor ich mich dann Ende Juli auch in den Urlaub verabschiede.

 

Die deutsche Nationalmannschaft wurde gestern stürmisch auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor empfangen. Vize-Europameister, das kann sich sehen lassen. Wenn man aber ganz ehrlich ist, dieser Titel ist doch ein wenig schmeichelhaft. Ein sehr gutes und ein gutes Spiel haben wir vom Löw-Team erleben dürfen, den Rest (immerhin 4 Spiele) reden wir uns jetzt ein wenig schön. Letztendlich zählt nur das Ergebnis. Ähnlich ist es auch in der Politik. So lange Angela Merkel in den Umfragewerten gut dasteht, so lange die Union bei Wahlen recht gute Ergebnisse erzielt, perlt berechtigte Kritik ab – erst Recht, wenn sie vom politischen Konkurrenten kommt. Im Augenblick ist die fast einhellige Meinung, die Merkel macht ihren Job gut und der Beck macht fast alles falsch. Schwarz-Weiß-Denken nennt man das wohl. Für was die beiden aber wirklich stehen, welche Themen sie setzen, was sie unterschiedlich sehen, dass weiß kaum jemand und interessiert auch nicht wirklich.

 

Sicher, Beck hat Fehler gemacht und er gibt in der Öffentlichkeit auch häufig keine gute Figur ab. Doch ist Merkel wirklich fehlerlos? Was hat sie denn tiefgründiges und richtungweisendes zu den wichtigsten innenpolitischen Themen hervorgebracht? Sie glänzt auf den internationalen Treffen und Konferenzen, aber in Deutschland überlässt sie vor allem die nicht so angenehmen Themen ihrem Kabinett oder dem Bundestag. Böse formuliert: Für die Drecksarbeit sind die Sozen da. Wenn die Regierungspolitik nicht gut ankommt in der Bevölkerung, dann hält sie sich zurück. Schlimmer noch, die Unions-Ministerpräsidenten fangen an, uns zu kritisieren und wir lassen es uns auch noch gefallen. Wir helfen auch den Medien- und Wirtschaftsvertretern noch kräftig, wenn es mal wieder gilt, Beck zu verprügeln und die SPD madig zu machen. Intern ist es doch längst entschieden: Beck wird nicht Kanzlerkandidat. Aber man fragt sich, wer es entschieden hat? Nicht er selbst und auch nicht die Partei. Eher die Öffentlichkeit, ein wichtiger Teil der politischen Journalisten, „die Meute“ wie sie auch genannt wird. Die Berichterstattung hat Züge angenommen, die mit gesundem Menschenverstand oder kritischer Analyse nichts oder nur noch sehr selten etwas zu tun hat. Dabei geht es mir eigentlich nicht um Beck oder Merkel. Ich könnte mich ja damit trösten, dass das Spiel auch wieder andersherum geführt wird. Mich treibt die Gesamtentwicklung unserer Mediengesellschaft um.

 

Ich nehme Journalisten gegenüber meinen Kollegen immer gerne in Schutz. Viele von ihnen haben einen harten Job und einen unglaublichen Konkurrenzkampf. Sie müssen „die Story“ bringen, um zu überleben und um sich durchzusetzen. Und „die Story“ ist eben keine ausgewogene, kritische und seriöse Berichterstattung – sondern sie fordert Skandale, Streit (möglichst innerhalb der gleichen Fraktion) und Personalisierung. Dafür ist kaum der einzelne Journalist verantwortlich. Es ist das System, das immer mehr vom Kopf her stinkt. Es wird stark beeinflusst durch die wirtschaftlichen Verflechtungen, dem Druck der Quote und einem harten Rennen um die Fleischtöpfe. Die Kontrollfunktion von unabhängigen Medien wird immer mehr zu einem theoretischem Gebilde aus grauer Vorzeit. Nicht Abonnenten sind wichtig, sondern Werbekunden. Zuschauer interessieren nur als Quote, um mehr Geld für die Werbung zu bekommen. Doch die Politiker spielen mit, sie heizen die häufig einseitigen Debatten an und versuchen, die Schlagrichtung der Medien für ihre Zwecke zu nutzen.

 

Die unglaubliche Zahl der Sender, die im Fernsehen entstanden sind, hat die Qualität sicher nicht gesteigert. Vielfalt kommt hier eher einfältig daher. Noch gibt es Nischen, in denen der Qualitätsjournalismus im Mittelpunkt steht, wo Journalisten noch fast unbehelligt differenziert und gut recherchiert ihre Themen einbringen können. Doch die Entwicklung geht in eine andere Richtung. Und ich bekomme Ausschlag, wenn die Kritik mit dem Hinweis beiseite gewischt wird, dass die Menschen es doch so wollen. Ein Zurück wird es sicher nicht geben. Aber es wäre ein Anfang, diese Entwicklung überhaupt mal zu thematisieren. Gerade die Verflechtungen von Eliten innerhalb der Medien, der Politik und der Wirtschaft bestimmen den Kurs unserer Demokratie. Sie verändern unser System und allein deshalb muss es uns beschäftigen.