Stromüberschuss statt ?Stromlücke?
Zur Diskussion über die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland erklärt der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow:
Die in den letzten Wochen entfachte Diskussion über eine bevorstehende ?Stromlücke? ist nichts anderes als eine gezielte Kampagne. Mit der Panikmache vor einem ?Black-out? in Deutschland versuchen einige Verantwortliche von großen Energiekonzernen einen Stimmungswandel zu Gunsten der Atomenergie herbeizuführen. Damit soll zudem suggeriert werden, dass die Erneuerbaren Energien und die Steigerung der Energieeffizienz keinen entscheidenden Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten können. Auch der von der Bundesregierung eingeschlagene Weg beim Klimaschutz wird damit in Frage gestellt. Tatsächlich ist aber damit zu rechnen, dass die durch den Klimawandel angeheizten Sommer unsere Energieversorgung zunehmend gefährden.
Doch die Kampagne ist nichts weiter als ?heiße Luft?. Die Versorgungssicherheit in Deutschland wird auch durch den Atomausstieg nicht gefährdet. Dies bestätigt u. a. eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes (UBA). Trotz der bereits abgeschalteten Atomkraftwerke Stade und Obrigheim und trotz des Stillstands von zeitweise bis zu sechs Atommeilern konnte 2007 ein Exportüberschuss von 14 Milliarden Kilowattstunden erzielt werden. Seit
2002 wird deutlich mehr Strom erzeugt als verbraucht. 2006 erreichte Deutschland sogar den höchsten Nettostromexport seiner Geschichte. Jährlich wird die Jahresleistung von vier bis fünf Großkraftwerken ins Ausland geliefert.
In der Diskussion wird die Dynamik der technischen Entwicklung völlig ausgeblendet. So wird das Potential der Erneuerbaren Energien nach wie vor bewusst unterschätzt. Der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch lag 2006 bei 11,6%, 2007 schon bei 14,3%. Allein die Steigerungsrate eines Jahres entspricht der Stromproduktion eines Atomkraftwerks. Würde die Blockadehaltung gegen die Erneuerbaren Energien zum Beispiel der Landesregierungen in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen endlich aufgegeben, könnte der Zuwachs noch größer sein. Auch im Bereich der Energieeffizienz stehen wir erst am Anfang der Entwicklung. Bei der Berechnung des zukünftigen Stromverbrauchs ist es aber entscheidend, ob man davon ausgeht, dass der Stromverbrauch immer weiter steigt oder ob man mit einberechnet, dass durch eine Verbesserung der Energieeffizienz der Stromverbrauch sogar zurückgeht. Nur ein Prozent Differenz pro Jahr macht für den Zeitraum bis 2020 gerechnet eine Strommenge aus, die der Jahresproduktion mehrerer Atomkraftwerke entspricht.
Das Integrierte Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung beinhaltet einen Maßnahmenkatalog zur Steigerung der Energieeffizienz. Ausgerechnet diejenigen, die das Szenario der ?Stromlücke? heraufbeschwören, sind die größten Bremser bei der Umsetzung des Programms. Statt zum Beispiel verstärkt auf Kraft-Wärme-Kopplung zu setzen, werden immer noch Kraftwerke geplant, die lediglich Strom produzieren ohne die Abwärme zu nutzen. Zudem hinkt der Netzausbau (vor allem von Nord nach Süd) dem Zuwachs an Erneuerbaren Energien hinterher.
Wird das Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung umgesetzt, bleibt es bei einem konstanten Zuwachs der Erneuerbaren Energien und wird das Thema Energieeffizienz ernst genommen, so besteht keinerlei Zweifel daran, dass sich Deutschland auch in Zukunft ausreichend mit Energie versorgen kann. Dann könnte man sogar deutlich schneller zumindest die alten Atomreaktoren abschalten, die zu einem immer größeren Sicherheitsrisiko werden.
Statt die Energiesicherheit zu stabilisieren, hat sich die Atomenergie insgesamt eher zu einem Unsicherheitsfaktor auch bei der Versorgung entwickelt. Durch Pannen und Abschaltungen liegt die von Atomkraftwerken produzierte Strommenge in den letzten Jahren unter der eigentlich eingeplanten Energieleistung. Die Gefahr von Energieengpässen in heißen Sommern geht in erster Linie von Großkraftwerken, insbesondere von Atomkraftwerken, aus. Die großen Kraftwerke können nach trockenen Hitzeperioden nicht mehr im ausreichenden Maße auf das für sie notwendige Kühlwasser zurückgreifen und müssen zurückgefahren werden. Dies hat bereits 2003 den Anteil der Atomenergie deutlich reduziert. Mit der zunehmenden Klimaerwärmung steigt somit die Gefahr, dass die Atomkraft im Sommer immer häufiger ausfällt oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung steht.


