Der Umgang mit der Krise wird sie verschärfen

Helmut Schmidt mit Weitblick

Gerade in Bezug auf die Eurokrise wird das Problem viel zu sehr auf die Situation in Griechenland und Südeuropa verkürzt – und dort wiederum nur auf die Arbeitsmoral und die schlechte Politik der Regierungen, die nicht sparen können, verengt. Kaum jemand spricht noch davon, dass die Bankenkrise ihren riesigen Beitrag zu der jetzigen Situation in Europa beigetragen hat und deren Auswirkungen uns noch lange beschäftigen werden. Auch wird immer nur vom Sparen und von Sozialkkürzungen gesprochen, die wir den Griechen und Co aufzwängen müssen. Aber wie soll denn die südeuropäische Wirtschaft wieder in Schwung kommen, wenn man dort die Binnenkonjunktur abwürgt. Anreize, Investitionen, die Motoren von Wirtschaftskraft bleiben auf der Strecke.

Einer der wenigen bekannteren Köpfe, der nicht den Blick für das ganze verloren hat, ist Helmut Schmidt. Wenn er sich als Elder Statesman aus den Personaldiskussionen der SPD raushalten könnte, würde er als politischer Mahner und Ratgeber immer wertvoller werden.

Hier Auszüge aus einem Interview der ZEIT mit Helmut Schmidt vom Oktober 2011 (http://www.zeit.de/2011/41/Fragen-an-Helmut-Schmidt, ZEITmagazin, 6.10.2011, Nr. 41)

„Es könnte der Eindruck entstehen, dass es um die Solidarität unter den Europäern noch viel schlechter bestellt ist, als wir uns das in den letzten Jahren vorgestellt haben. Das Vertrauen in die Gemeinschaft der 27 Mitglieder würde weiter schwinden. Dieser politische Preis wäre zu hoch. Deshalb müssen die Staaten der Europäischen Union Griechenland helfen.“

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„Ich bin nicht der Meinung, dass man Griechenland allein mit Zahlungen retten kann.“

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„Griechenland braucht Investitionen! Es muss Unternehmer geben, die das Risiko auf sich nehmen, in dem Land zu investieren. Das werden sie nur tun, wenn es in Griechenland eine verlässliche Wirtschaftspolitik gibt. Wenn ich einen europäischen Marshall-Plan für Griechenland fordere, meine ich nicht Geld, sondern konkrete Projekte.“

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„Wissen Sie, ich will das einmal mit der deutschen Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergleichen. Natürlich hätten die Amerikaner oder Franzosen damals sagen können: Die Deutschen haben selber Schuld, lass sie doch verkommen in ihrem Elend! Das haben sie aber nicht getan. Stattdessen haben die Amerikaner den Marshall-Plan erfunden, die Franzosen haben uns 1950 mit ihrem Schuman-Plan die Hand entgegengestreckt. Im Verhältnis zur damaligen Lage Deutschlands und zur Hilfsbereitschaft dieser Länder, die wenige Jahre zuvor noch unsere Kriegsfeinde gewesen waren, ist das gegenwärtige griechische Problem ein minores – und der Teufel soll die europäischen Regierungschefs holen, wenn sie es nicht fertigbrächten, Griechenland zu retten!“

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„Denn die Sparerei ist eine der Ursachen für die Depression.“

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„Die Staatsverschuldung ist ein Problem unter mehreren. Aber ein viel dickeres Problem ist die uferlose Handlungsfreiheit auf den globalen Finanzmärkten.“

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„Auf den sogenannten Finanzmärkten tummeln sich intelligente, aber einäugige Idioten. Sie sind blind auf dem Auge, welches das Gemeinwohl im Blick haben sollte, und mit dem anderen Auge schielen sie auf ihre eigene Bonifikation. Sie haben kein Verantwortungsbewusstsein und gehören deshalb unter viel straffere Aufsicht.“

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„Aber strenge Regulierung löst das Problem der psychotischen Reaktionen auf den globalen Finanzmärkten, die aus zigtausend Devisen- und Wertpapierhändlern bestehen. Dabei wissen die Vorstände der Banken oft gar nicht, was ihre Händler gerade machen.“