Gute Zeiten für Lobbyisten

Ich habe manchmal das Gefühl, dass vor allem die Politiker aus der eigenen Reihe ihre Arbeit, ihre Handlungen kaum noch reflektieren. Sei es aus Zeitmangel oder weil es unter der „Käseglocke“ in Berlin irgendwann sehr schwerfällt, sich wieder außerhalb des Politikbetriebs zu erden. Um so überraschender und erfreulicher, dass es einige dennoch tun. So beispielsweise der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Carsten Schneider. Hier ein Auszug aus seinem Interview mit der ZEIT („Gute Zeiten für Lobbyisten“, Ausgabe 50/2012, 6.12.2012, S. 59):

ZEIT: Wie sieht der Tag eines Bundespolitikers denn so aus?

Schneider: Ich gehe um sieben aus dem Haus und komme abends im besten Fall um acht zurück. Eher wird es neun oder zehn. Ich gucke vielleicht noch Fußball, und das war’s. Es ist eben alles sehr gedrängt. Als ich 1998 in den Bundestag kam, war das im wahrsten Sinn des Wortes noch ein anderes Jahrtausend. Hier in Berlin ist alles viel schneller und unübersichtlicher geworden.

ZEIT: Vor Ihnen auf dem Tisch liegt Ihr Smartphone. Wie hat es Ihr Leben verändert?

Schneider: Das frage ich mich auch oft. Man muss den Umgang mit den Dingern lernen. Ich halte mich schon für einen leichten Junkie – bis zu fünfzehn Mal pro Tag checke ich sicher, was Spiegel Online meldet. Am Wochenende mache ich es aus.

ZEIT: Brauchen Sie nicht eine Menge Faktenwissen, um die bessere Entscheidung treffen zu können?

Schneider: Ich kann und muss nicht alle Details über die Euro-Krise wissen – aber mich auf Leute verlassen können, deren Wissen ich vertraue.

ZEIT: Ist das Parlament noch Herr seiner Zeit? Zu vielen Entscheidungen werden Bundestagsabgeordnete getrieben: durch EU-Gipfelbeschlüsse oder durch die berühmten „Finanzmärkte“.

Schneider: Das stimmt teilweise. Es ist aber vor allem die Bundesregierung, die manchmal Zeitdruck aufbaut, der gar nicht notwendig ist. Nehmen Sie die Griechenland-Rettung, die erste Zahlung. Das Argument war: Wenn wir bis dahin keine Entscheidung haben, brechen die Börsen zusammen. Was für ein Schwachsinn! Das hätten wir uns nicht bieten lassen müssen; es war unsere eigene Schuld, das mitgemacht zu haben.

ZEIT: Ist Hektik eine Gefahr für die Demokratie?

Schneider: Das könnte man so sagen. Es ist jetzt eine gute Zeit für Lobbyisten, Einfluss zu nehmen und Dinge zu regeln. Weil uns schlicht die Zeit fehlt, uns in alles zu vertiefen.

1 Antwort
  1. Skeptiker
    Skeptiker sagte:

    Gibt es denn in der Politik überhaupt irgendwelche echten Fachleute? Was für Berufe haben Ihre Kolllegen denn so erlernt? Und waren sie denn auch lange genug in einem Beruf, um echtes Fachwissen aufzubauen?
    Welchen Leuten vertraut Ihr Kollege denn bei Fragen zum Euro? Lobbyisten? Oder Spiegel Online?

    MfG

Kommentare sind deaktiviert.