Hoffnung in Äthiopien – 14. bis 19. November 2015

Hoffnung in Äthiopien

Reisebericht der Abgeordneten Marco Bülow, Josef Göppel und Christian Haase

  1. bis 19. November 2015

Die deutsche Politik ringt um den richtigen Weg in der Flüchtlingsfrage. Frankreich muss Selbstmordattentate mit 130 Toten erleben. Vor diesem Hintergrund bricht eine Delegation des Umweltausschusses nach Äthiopien auf. Es geht um die Frage, wie die deutsche Entwicklungsunterstützung für den Klima- und Artenschutz wirkt und von der einheimischen Bevölkerung gesehen wird. Mehrere Projekte konnten wir während der 5-tägigen Reise intensiv erleben.

 

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Fakten zu Äthiopien 

Fläche: 1.104.300km²

Einwohnerzahl: 96.633.458

Bevölkerungsdichte: 88 Einwohner pro km²

Hauptstadt: Addis Abeba

Währung: Birr

Amtssprache: Amharisch

Staatsform: Parlamentarische Bundesrepublik

Früher bekannt als Abessinien

 

Bevölkerung

Mit fast 100 Millionen Einwohnern ist Äthiopien der größte Binnenstaat der Welt. Das Land ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als 80 ethnischen Gruppen und dementsprechend vielen Sprachen. Am häufigsten gesprochen werden Oromo und Amharisch.

Die größten Glaubensgemeinschaften stellen die äthiopisch-orthodoxen Christen und die sunnitischen Muslime dar. Genaue Angaben zur religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung gibt es nicht. Der Anteil der Christen wird je nach Quelle zwischen 40 und 55 Prozent und derjenige der Muslime zwischen 40 und 50 angegeben.

 

Geografie

Äthiopien ist gemessen an der Fläche der zehntgrößte Staat Afrikas und ca. dreimal so groß wie Deutschland. Das Land grenzt an Dschibuti, Eritrea, Kenia, Somalia, Sudan und Südsudan.

Die Hälfte der Fläche Äthiopiens liegt über 1200 Metern, mehr als ein Viertel über 1800 Metern, über 5 Prozent sogar über 3500 Metern. Im größten Teil des Landes herrscht gemäßigtes Klima vor.

 

Geschichte

Die Geschichte Äthiopiens geht bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zurück. Das Land ist als einziger Staat Afrikas nie unter Kolonialherrschaft gefallen (abgesehen von der Besetzung durch Italien zwischen 1935 und 1941). Bis 1974 war Äthiopien bzw. das Kaiserreich Abessinien eine konstitutionelle Monarchie. Der letzte Kaiser, Haile Selassie, wurde vom Militär gestürzt. Major Mengistu Haile Mariam übernahm daraufhin die Macht und schaffte die Monarchie ab. Das Land wurde mit sowjetischer Hilfe zu einer sozialistischen Volksrepublik. Seit 1991 ist Äthiopien eine föderale Republik mit einem Parlament bestehend aus zwei Kammern. Die Mitglieder des Volksrepräsentantenhaus (kurz Parlama genannt) werden direkt vom Volk für fünf Jahre gewählt.

 

 

Regionalen Traditionen und Produkten einen Wert geben

Die Stadt Bahir Dar am 3.156 Quadratkilometer großen Tanasee hat sich neben der Hauptstadt Addis Abeba zum bedeutendsten Konferenzort Äthiopiens entwickelt. Das bietet günstige Voraussetzungen für die Belebung regionaler Kulturtraditionen und landestypischer Produkte. So fassten der Naturschutzbund Deutschland und die Michael-Succow-Stiftung mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsministeriums das Gebiet um den Tanasee 2012 ins Auge, um ein weiteres afrikanisches „Men and biosphere“-Projekt zu verwirklichen. Im Unterschied zu Nationalparken geht es dabei um den ausdrücklichen Einbezug der Menschen in den Schutz der Natur. Gerade durch die behutsame Nutzung regionaltypischer Rohstoffe und Fertigkeiten wird der landschaftliche Reiz erhöht und touristisch nutzbar.

Schon beim Anflug zeigt sich ein Mosaik von Dörfern inmitten kleiner Feldstücke. Das Land ist bis in die Berghänge hinauf genutzt. 95 Millionen Menschen wollen ernährt werden. Emsiges Wirken ist überall spürbar. Vielleicht bekamen die Hochland-Äthiopier deswegen den Beinamen „Preußen Afrikas“.

Vielleicht spielen aber auch 3000 Jahre ununterbrochene Eigenstaatlichkeit eine Rolle. Äthiopien konnte als einziges großes Land in Afrika während der Kolonialzeit seine Selbständigkeit behaupten, seine Stammesgrenzen wurden nie willkürlich durchschnitten. König Ezana (325 bis 355) führte das Christentum als Staatsreligion ein. Äthiopien gehörte damit in der Region zu den ersten Ländern, die eine christliche Prägung erfuhren. Wer die steinernen Überreste aus jener Zeit erblickt, staunt über deren tiefe Symbolkraft und verblüffend modern anmutende Form. Wir treffen hier auf eine Hochkultur, die der europäischen Antike mindestens ebenbürtig ist. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, wie sähe Afrika heute aus, wenn sich die Königreiche von Nubien, Ghana oder Uganda ohne Bruch durch den Kolonialismus organisch weiter entwickelt hätten.

Mit einem kleinen Boot fahren wir von der Stadt Bahir Dar am Südufer des Tanasees zum Kloster Ura Kidane Meheret auf der Halbinsel Zege. Schon von weitem zeigt sich ein bewaldeter Hügel, der vom Kreuz einer Rundkirche überragt wird. Wald gibt es in Äthiopien fast nur noch im Umfeld von Klöstern, denn die Bäume dort gelten als heilig. Außerhalb davon zeigt sich überall der Nutzungsdruck der wachsenden Bevölkerung. 1970 waren noch 40 Prozent des Landes bewaldet; in den 90er Jahren nur noch 3 Prozent! Durch massive Aufforstungen stieg der Waldanteil inzwischen wieder auf etwa 6 Prozent. Allerdings erfolgte die Aufforstung vor allem mit Eukalyptus, welches schnell wächst, viel Wasser benötigt und die Entwicklung anderer Vegetation behindert.

Am Bootsanlegeplatz von Zege begrüßt uns der Sprecher der Dorfgemeinschaft, Tiruneh Enyew. Sichtlich stolz führt er uns auf einem schmalen Pfad, gesäumt von Kaffeesträuchern, unter Waldbäumen verschiedenster Arten zum Kloster Ura Kidane Meheret hinauf. Meerkatzen begleiten uns in den Kronen der Bäume und vielfältige Vogelrufe hüllen uns regelrecht ein. Der Weg wird von Verkaufsständen begleitet, auf denen die Einheimischen Kunsthandwerk, Weihrauch, Myrrhe, Kaffee und traditionelle Kleidungsstücke anbieten. Barfuß betreten wir die Rundkirche auf dem höchsten Punkt der Halbinsel und blicken leuchtenden Wandmalereien ins Auge.

Das NABU-Projekt hat den Verkauf von Regionalprodukten nicht begründet, aber wohl in eine professionellere Form gebracht. Gleiches gilt für die Schulung der örtlichen Führer. Vor der Rückfahrt nehmen wir noch an einer traditionellen Kaffeezeremonie teil. Die Kaffeebohnen werden gewaschen, getrocknet, geschält, geröstet, gestampft und dann zwei bis drei Mal mit heißem Wasser aufgegossen. Währenddessen erzählt uns Tiruneh Enyew von den weiteren Planungen der Dorfgemeinschaft. Sie wollen ein Restaurant mit einer Biogasanlage bauen, welche die Abfälle von Menschen und Tieren aufnimmt und daraus Energie herstellt.

Regionalinitiativen dieser Art werden von Wirtschaftsstrategen oft als schönes Beiwerk abgetan. Sie machen ein Land aber interessant für weitere wirtschaftliche Aktivitäten und geben den jeweiligen Regionen ein unverwechselbares Gesicht. In der Europäischen Union laufen solche Regionalprogramme unter dem Begriff Valorisation, der Inwertsetzung kultureller und natürlicher Reichtümer einer Gegend! Hier spielt noch eine wichtige Rolle, dass der NABU der Bevölkerung als freier Träger ohne hoheitliche Befugnisse in Gestalt der deutschen Wissenschaftlerin, Dr. Ellen Kalmbach, gegenübertritt. Die deutsche Entwicklungsunterstützung ist zurückhaltend und werbend angelegt. Die Eigenent­scheidung der Äthiopier steht eindeutig im Vordergrund. Wir haben den Eindruck, dass dieses Konzept greift.

 

Wasser speichern und Bodenabschwemmung verhindern

Auf das Hochland von Äthiopien gehen in den Monaten Juli und August oft sturzflutartige Regenfälle nieder; anschließend muss es eine Trockenzeit überstehen, die 6 bis 8 Monate dauern kann. Unter diesen Gegebenheiten sind Wasserrückhalt und Vermeidung von Bodenerosion lebenswichtig. Jährlich gehen landesweit rund 30.000 Hektar fruchtbarer Boden durch Abschwemmung verloren. Unwillkürlich erinnern wir uns, dass schon in Texten der Pharaonenzeit vom fruchtbaren Nilschlamm aus den Bergen Äthiopiens die Rede war. Beim Flug über das Land sehen wir gewaltige Erosionsrinnen und viele kahle Hänge. Andererseits weisen die Böden eine tiefe Fruchtbarkeit auf; sie sind locker und gut durchwurzelbar. Dieser Umstand verstärkt aber die Erosion. Wir sehen den Blauen Nil, der eigentlich Brauner Nil heißen müsste. Sein Wasser ist rotbraun von erodierter Erde. Selbst im riesigen Tanasee war uns die ockerbraune Färbung des sedimenthaltigen Wassers schon aufgefallen.

Zu Beginn des Jahrhunderts startete die äthiopische Regierung in 177 Distrikten des Landes ein groß angelegtes Programm zur nachhaltigen Landbewirtschaftung. In jedem Distrikt wurden drei staatlich bezahlte Berater eingesetzt, für Tierzucht, für Landbau und für Bodenschutz. „Unsere Entwicklungsarmee“ werden Sie im Jargon der Regierung genannt.

Wir fahren von Bahir Dar 45 Kilometer nach Südosten in den Distrikt Sheba-Tindwat. Die Talgemeinschaft Tindwat umfasst 11.000 Hektar mit 3.300 Haushaltungen. Die gewählten Repräsentanten der örtlichen Talgemeinschaft haben Aufstellung genommen, sieben Männer und vier Frauen. Der äthiopische Berater für Wasserspeicherung und Bodenschutz stellt die Neuerungen der Landbewirtschaftung vor.

  1. An Hängen und Gräben wird nicht mehr geweidet, die Tiere werden vielmehr auf ebenen Flächen eingepfercht oder angebunden und dort gefüttert. Jede Familie sorgt aber wie bisher für ihr eigenes Vieh.
  2. Jedes Dorf legt in Gemeinschaftsarbeit schmale Terrassen mit Stein- und Erdwällen an, um den Wasserabfluss zu bremsen. Auf den Terrassen kann geackert werden, die Wälle begrünen und durchwurzeln sich innerhalb weniger Jahre mit Strauchwerk.
  3. In Mulden werden Wasserspeicher
  4. Verbesserte Züchtung lokal angepassten Saatgutes und Vermehrung durch die Kleinbauern sorgt für mehr Erträge.

Die Bemerkungen der örtlichen Würdenträger deuten darauf hin, dass die Regierung hier geschickt vorgeht. Jede einzelne Dorfgemeinschaft kann selbst beschließen, ob sie die Neuerungen durchführen will. In manchen der 177 Distrikte dauerten die Beratungen viele Monate. Finanziell unterstützt wird das Programm nachhaltige Landbewirtschaftung durch die Europäische Union und Kanada. Durchführungsorganisationen sind die Deutsche GIZ und die KfW-Entwicklungsbank. Dr. Johannes Schoeneberger von der GIZ ist seit fünf Jahren vor Ort. Er betonte die unterstützende Rolle der deutschen Berater. Wir sehen hier die gleiche subsidiäre Grundhaltung wie beim NABU-Regionalprojekt am Tanasee. Alle Entscheidungen sollen von den Äthiopiern selbst getroffen werden.

Dank unserer versierten Übersetzer vom Englischen in das Amharische erfahren wir beim Gang über die Felder viel von der Sichtweise der örtlichen Bevölkerung. Eine starke Verbundenheit der Familien mit ihrem Ackerland fällt auf. Das ist kein Wunder, sie bewirtschaften es mit dem einscharigen Pflug, den sie auf den Schultern vom Dorf hinaustragen und der dann von zwei Ochsen gezogen wird. Das süddeutsche Flächenmaß Tagwerk kommt einem da in den Sinn. Es bezeichnet die Größe, welche ein Bauer an einem Tag pflügen konnte, rund 3.400 Quadratmeter. Die Äcker hier sind nochmal deutlich kleiner. Manche Agrarexperten kämen da wohl schnell auf die Idee, Felder zusammen zu legen und große Maschinen einzusetzen, um die Erträge zu steigern. Von den äthiopischen Beratern hören wir dazu den Satz „Wo sollen dann all die Menschen hin?“ Der Weg der Industrialisierung ist angesichts globalisierter Produktion, die alle Bedarfsgüter irgendwo auf der Welt konkurrenzlos billig herstellt, zweifelhaft geworden. Die äthiopische Regierung setzt – jedenfalls in diesem Landesteil– darauf, die Bewirtschaftung in der Hand selbständiger Bauern zu halten, die ihre Felder eigenverantwortlich nutzen. Aus deutscher Sicht ist das ein vernünftiger Ansatz. Das Geheimnis unseres wirtschaftlichen Erfolges beruht schließlich auch auf möglichst vielen selbständigen Existenzen. Hier im Hochland von Äthiopien spüren wir den Stolz der Bauern auf die Verbesserungen, die sie durch das Programm nachhaltige Landbewirtschaftung erreichen konnten. Eine allgemeine Zuversicht ist deutlich spürbar. Flüchtlingswellen entstehen unter solchen Umständen nicht. Zum Abschluss dieser Exkursion treffen wir den Landwirtschaftsminister Ato Tefera der Region Amhara. Er betont noch einmal den Wert selbständiger Existenzen, die Eigenverantwortung und die Modernisierung in kleinen Schritten, so dass kein zusätzliches Proletariat entsteht.

 

 

Welcher Entwicklungspfad ist der richtige?

„Entwicklung“ lief bis zur Finanzkrise 2008 nach einem klaren Muster ab. Institutionen wie die Weltbank gaben „zurückgebliebenen“ Staaten Kredite für Infrastrukturprojekte und verlangten dafür die Umstellung der Selbstversorgerwirtschaften auf den Export von Rohstoffen sowie die Öffnung ihrer Märkte, also den zollfreien Import von Produkten aus den Industrieländern. Die Verschuldung der 60 ärmsten Länder der Welt stieg auf diese Weise zwischen 1970 und 2000 von 25 auf 523 Milliarden US-Dollar (Prashad „History oft the Third World“, New York 2007, S. 276). Für Investitionen in Produktionsanlagen mussten die Empfängerstaaten bürgen. Da diese Methode drei Jahrzehnte lang auf alle Entwicklungsländer gleichermaßen angewandt wurde, gerieten die Preise ihrer Export­produkte immer wieder unter Druck, so dass die Löhne der einheimischen Arbeitskräfte mehr fielen als stiegen. Die externen Investoren zogen darüber hinaus den größten Teil der Gewinne ab, denn sie mussten ja die Renditen ihrer Kapitalgeber bedienen.

Gleichzeitig bewirkte die Verpflichtung zur Öffnung der Märkte schwallartige Einfuhrwellen aus Industrieländern je nach der dortigen Konjunkturlage. Zurzeit gibt zum Beispiel die EU wieder Exportbeihilfen für Milchprodukte, um den Produktionsanstieg nach dem Wegfall der Milchquote und die Liefersperre gegen Russland auszugleichen. In unserem Hotel in Bahir Dar kamen zum Beispiel die Döschen mit Kaffeesahne aus Europa.

All das führte in den letzten Jahren zu Rufen nach einem anderen Entwicklungsmodell. Selbst die Weltbank akzeptiert heute, dass Marktöffnungen nur in kleinen Schritten über mehrere Jahrzehnte hinweg erfolgen dürfen. Als entscheidend sieht man heute eine Entwicklung aus kleinen Keimzellen heraus an, die sich aus möglichst vielen eigen­ständigen Existenzen aufbaut. Amharas Landwirtschaftsminister Ato Tefera sagte dazu völlig richtig: „Wir müssen dazu kommen, unsere Rohstoffe selbst zu Endprodukten zu verarbeiten und zunächst unsere Bevölkerung mit allen notwendigen Gütern zu versorgen.“

 

Solarstrom für Mobilfunk und Licht

Äthiopien ist reich an erneuerbaren Energiequellen, dennoch haben nur 23 Prozent der 95 Millionen Einwohner einen Stromanschluss. Unter den 67 Millionen Menschen, die in ländlichen Regionen leben, sind es sogar nur 5 Prozent. Dort gab es bis vor kurzem kaum

bezahlbare Alternativen zu Brennholz. Zusätzlich wusste die ländliche Bevölkerung wenig über die Vorteile einer modernen Energieversorgung. Die Folgen sind weitere Abhol­zungen, Bodenerosion und Atemwegserkrankungen. 2010 rief die äthiopische Regierung daher mit internationaler Unterstützung das Projekt „Energizing development partner ship – EnDev“ ins Leben. Das Ziel ist der Aufbau selbsttragender Märkte für moderne Energieformen. Kernelement ist das Training von Herstellern und Händlern der neuen energieeffizienten Kochherde und kleiner Solaranlagen. Seit 2000 verkauften die örtlichen Händler 920.000 effiziente Kochherde. Bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von sechs Personen erreicht diese Verbesserung 5,5 Millionen Menschen. 3,3 Millionen Menschen in ländlichen Gebieten bekamen über kleine Photovoltaikanlagen Zugang zu elektrischem Strom. Solarleuchten kosten einschließlich Batterie rund 45 Euro. Das ist viel bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 20 Euro. Deshalb gibt es für Elektrifizierung Mikrokredite. „Solar-home-Systeme“ mit 150 bis 200 Watt Leistung werden in Krankenstationen und Schulen eingerichtet. Ihr Strom reicht für einige Lampen und zum Laden von Mobiltelefonen. Sie kosten etwa 180 Euro. Die Anlagen können geleast werden. Der Eigentumsübergang erfolgt, wenn die Investition bezahlt ist. Die Kommunalpolitiker wollen die Inselanlagen allmählich zu lokalen Netzen der Gemeinden zusammenwachsen lassen. Ab einer bestimmten Anlagendichte bilden sich zu diesem Zweck Energiekoopera­tive. Beim Hinausgehen sagt uns ein europäischer Mittelsmann beiläufig, fast alle Anlagen würden aus Deutschland geliefert!

Die Reaktionen auf den Stromanschluss klingen fast euphorisch. Eine junge Frau sagt uns: „Endlich kann ich am Abend noch in Ruhe lernen.“ Mobiltelefone sind jetzt auf dem Land allgegenwärtig. Bei einer unserer Autofahrten sehen wir zwei Hirten in ihren traditionellen farbigen Gewändern unter einem Baum am Straßenrand sitzen. Sie sitzen da wie Steinsäulen, vorn übergebeugt, bewegungslos. Als wir an ihnen vorbeifahren, sehen wir, dass beide auf ihren Mobiltelefonen herumtippen. Gerade der Zugang zu Elektrizität bringt in ländlichen Räumen eine Stimmungswende: Junge Menschen sehen für sich eine Zukunft im eigenen Land. Sie wollen alles tun, um daraus etwas zu machen.

 

Konkurrenz zwischen Wasserkraft und Landwirtschaft

Die 180 Kilometer lange Fahrt im Osten des Tanasees von Bahir Dar nach Gondar bringt atemberaubende Ausblicke und auch einen tiefen Einblick in ökologische Zusammenhänge der Region. Die Tanasee-Ebene hat eine Nordsüdausdehnung von 70 Kilometern. Sie gehört zu den landwirtschaftlich wichtigsten Regionen Äthiopiens. Ein dichtes Netz von Bewässerungsgräben ermöglicht mehrere Ernten im Jahr. Wir sehen Reisfelder bis zum Horizont, aber auch das Nationalgetreide Teff, Mais, Weizen, Zuckerrohr und Gemüse. Äthiopien ist mittlerweile zu einem der wichtigsten Reislieferanten Indiens geworden.

Während der Regenzeit steigt der Wasserspiegel des Tanasees an und setzt die Reisebene unter Wasser. In der Trockenzeit fällt der Wasserspiegel so weit, dass die Felder betreten und abgeerntet werden können. Nun gibt es aber am südwestlichen Ende des Tanasees einen künstlich angelegten Auslauftunnel, der Wasser aus dem See über den Unterlauf des Blauen Nils einem neuen Wasserkraftwerk an der Grenze zum Sudan zuführt. Die dauerhafte Ausleitung der vorgesehenen Wassermenge würde allerdings das Reisanbaugebiet im Norden des Sees trockenlegen. Die Balance zwischen Nahrungsmittelerzeugung und Stromproduktion ist umstritten.

Wir kommen in die Gebirgsschwelle, welche die Tanasee-Ebene im Norden begrenzt. Die landwirtschaftliche Nutzung zieht sich bis auf eine Höhe von 3600 Metern. Kahle Hänge großen Ausmaßes sind die unerbittliche Folge von Überweidung und Bodenabtrag. Plötzlich üppiger grüner Wald. Wir steigen aus, es duftet nach Harz. Vielfältige Vogel­stimmen steigen aus den Baumkronen zur Serpentinenstraße herauf. Das Waldgebiet trägt den Namen Washa Endyrias. Es gehört zum Landbesitz eines Klosters, dessen Dächer zwischen den Bäumen zu erahnen sind. Nur so konnte der Baumbestand überleben. Frisch gefällte Bäume am Rand zeigen aber, dass der Nutzungshunger jetzt auch daran nagt.

 

Nach dem Überschreiten der Passhöhe sehen wir viel Sorghum-Anbau. Kakteen säumen die Straße, doch unmittelbar daneben wird Ackerbau betrieben. Es muss also auch hier immer noch genügend Regen fallen.

Kreisende Adler, Geier, Weihen, Bussarde und Falken kündigen die Abfallberge am Rand der alten Kaiserstadt Gondar an. Offiziell hat sie 265.000 Einwohner, inoffiziell 400.000. Obwohl wir mittags ankommen, ist das Klima dank der Höhenlage von 2230 Metern angenehm.

 

Bildung und Gesundheit wohnortnah

Den Abschluss unserer Rundreise bildet der Blick auf Basisschulbildung und wohnortnahe Gesundheitsversorgung. Lesanu Matheos, katholischer Bischof von Bahir Dar und Gondar, begleitet uns. Die katholische Kirche betreibt hier, unterstützt vom deutschen Missionswerk Missio, eine Grundschule, ein Krankenhaus mit eigener Apotheke, vor allem für Frauen und Kinder, eine Kunstwerkstatt für alleinstehende Frauen und eine Blindenschule. Alle Einrichtungen liegen inmitten eines Wohngebietes, so dass sie gut zu Fuß erreicht werden können. Wir treffen Menschen aller Glaubensrichtungen an. In dem Gelände weiden Rinder, Schafe und Ziegen zur Selbstversorgung, dazwischen eingezäunte Gärten mit Bananen, Feigen, Papaya und Gemüse. Schwestern des Konvents St. Anna leiten den Betrieb. Wie in solchen Einrichtungen erhofft, spüren wir eine familiäre und achtsame Atmosphäre.

Das katholische Christentum spielt in Äthiopien kaum eine Rolle. Nur rund ein Prozent der Bevölkerung gehört der katholischen Konfession an. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche prägt das öffentliche Leben im Hochland sehr stark. Uns fällt immer wieder auf, dass die orthodoxen Kirchen sehr gepflegt und baulich in einem guten Zustand sind. Auch das lässt Rückschlüsse auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu. Zum Abschluss unserer Reise besichtigen wir die orthodoxe Kirche der Dreifaltigkeit, Debre Berhan Selassie. Sie ist zwar als Bau von 1694 relativ jung (der eigentliche Bau ist allerdings viel älter), doch in ihrer religiösen Ausdrucksform typisch für das Wesen der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Wir durchschreiten ein massives Hoftor und sofort fällt der Lärm der Stadt hinter uns ab. Hinter einer hohen Mauer mit Wehrtürmen steht die Kirche inmitten alter Bäume. Ein Priester öffnet die Eingangstür aus abgewitterten Holzbohlen. Ausdrucksstarke Gesichter blicken uns aus den Wandmalereien an; Über uns die weltberühmte Engelsdecke. Der Raum strahlt eine archaische Erhabenheit und etwas Behütendes aus.

Trotz der Ruhe hier weist die Kirche auf den latenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen hin. 1888 wurde sie von sudanesischen Mahdisten bei einem Überfall auf Gondar zerstört. Solche Konflikte ziehen sich durch die ganze Geschichte Äthiopiens. Ab 1200 verbreitete sich der Baustil von aus dem Fels geschlagenen Kirchen. Heute noch sind rund 60 Felsenkirchen im äthiopischen Hochland östlich des Tanasees bekannt. Sie sollten oberirdisch nicht sichtbar sein, sondern ein „afrikanisches Jerusalem“ im Schoß der Erde bilden. Man muss sich das vorstellen: Eine ebene Fläche auf Granituntergrund. In dieses Gestein werden in jahrzehntelanger Arbeit Kirchengebäude mit Höhen bis zu 15 Metern hinunter gemeißelt! Heute sind etwa 35 Prozent der Einwohner Äthiopiens sunnitische Muslime. Das Zusammenleben ist überwiegend friedlich. In den achtziger Jahren wurden drei muslimische Feiertage zugelassen. Seit der Jahrhundertwende werden mit finanzieller Hilfe Saudi Arabiens in vielen Städten Moscheen gebaut. In den an Somalia angrenzenden Regionen ist ein wachsender Einfluss der wahabitischen Lehre zu bemerken. Dieser Einfluss könnte die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nachhaltig belasten.

Beeindruckend war auch die Erkenntnis, dass ein vergleichsweise armes Land wie Äthiopien 800.000 Flüchtlinge aufgenommen hat und dies kein großes Konfliktthema im Land zu sein scheint.

 

Mein Resümee

Bei einer solchen Fahrt kann man immer nur einen kleinen Eindruck von einem Land gewinnen, aber dennoch hilft es einem sehr, die Situation besser zu verstehen, als nur die Berichte zu lesen. Es bleiben Fragen und Themen offen, so haben wir nicht die Landgrabbing-Flächen im Südwesten, nicht die Umsiedlungen in der Region Gambella und nicht die Hungergebiete im Nordosten gesehen.

Auffällig sind das Engagement der Bevölkerung in Entwicklungsprojekten und die Grundzuversicht in das Handeln der staatlichen Organe. Vieles scheint hier recht geordnet zu verlaufen. Eventuell spielt dabei eine Rolle, dass die Staatlichkeit Äthiopiens nicht durch Kolonialismus unterbrochen wurde. Bei den Gesprächen mit Menschen, die direkt von Entwicklungsprojekten berührt sind, hörten wir immer wieder einen gewissen Stolz heraus, auch wenn die Fortschritte klein sind. Entscheidend scheint uns das Setzen auf die Eigenentwicklung selbständiger Existenzen. Das gilt für Bauern, Handwerker und Geschäftsleute in den Städten gleichermaßen. Der Zugang zu Elektrizität ist wohl der zentrale Schlüssel, damit junge Menschen in diesem Land ihre Zukunft sehen und dort bleiben.

Eines der zentralen Probleme für viele Länder Afrikas ist die Abholzung und die damit verbundene Erosion. Aufforstungsprojekte, aber vor allem der Schutz der verbleibenden Wälder sollte damit im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen. Dies hilft Natur und Menschen besser zu überleben und Standards zu sichern. Dabei gilt es, die lokale Bevölkerung miteinzubeziehen. Einige Projekte in Äthiopien könnten dafür Vorbildcharakter haben.

Ich halte es für immens wichtig, das deutsche und europäische Engagement in Äthiopien und der Region zu verstärken. Je stabiler sich solche Länder – gerade in dieser schwierigen geographischen Lage – entwickeln, desto vorteilhafter ist dies gerade auch für Europa. Auch als Bollwerk gegen Terrorismus und fundamentalistischen Islam nehmen gemischt religiöse Länder wie Äthiopien eine zentrale Rolle ein. Den wirtschaftlichen Aufbau dieser Länder darf man nicht allein den Chinesen überlassen.

Text: Bericht von Josef Göppel mit zusätzlichen Fakten zu Äthiopien, Anmerkungen, Erweiterungen und einem persönlichen Resümee von Marco Bülow