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Hoffnung in Äthiopien – 14. bis 19. November 2015

Hoffnung in Äthiopien

Reisebericht der Abgeordneten Marco Bülow, Josef Göppel und Christian Haase

  1. bis 19. November 2015

Die deutsche Politik ringt um den richtigen Weg in der Flüchtlingsfrage. Frankreich muss Selbstmordattentate mit 130 Toten erleben. Vor diesem Hintergrund bricht eine Delegation des Umweltausschusses nach Äthiopien auf. Es geht um die Frage, wie die deutsche Entwicklungsunterstützung für den Klima- und Artenschutz wirkt und von der einheimischen Bevölkerung gesehen wird. Mehrere Projekte konnten wir während der 5-tägigen Reise intensiv erleben.

 

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Fakten zu Äthiopien 

Fläche: 1.104.300km²

Einwohnerzahl: 96.633.458

Bevölkerungsdichte: 88 Einwohner pro km²

Hauptstadt: Addis Abeba

Währung: Birr

Amtssprache: Amharisch

Staatsform: Parlamentarische Bundesrepublik

Früher bekannt als Abessinien

 

Bevölkerung

Mit fast 100 Millionen Einwohnern ist Äthiopien der größte Binnenstaat der Welt. Das Land ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als 80 ethnischen Gruppen und dementsprechend vielen Sprachen. Am häufigsten gesprochen werden Oromo und Amharisch.

Die größten Glaubensgemeinschaften stellen die äthiopisch-orthodoxen Christen und die sunnitischen Muslime dar. Genaue Angaben zur religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung gibt es nicht. Der Anteil der Christen wird je nach Quelle zwischen 40 und 55 Prozent und derjenige der Muslime zwischen 40 und 50 angegeben.

 

Geografie

Äthiopien ist gemessen an der Fläche der zehntgrößte Staat Afrikas und ca. dreimal so groß wie Deutschland. Das Land grenzt an Dschibuti, Eritrea, Kenia, Somalia, Sudan und Südsudan.

Die Hälfte der Fläche Äthiopiens liegt über 1200 Metern, mehr als ein Viertel über 1800 Metern, über 5 Prozent sogar über 3500 Metern. Im größten Teil des Landes herrscht gemäßigtes Klima vor.

 

Geschichte

Die Geschichte Äthiopiens geht bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zurück. Das Land ist als einziger Staat Afrikas nie unter Kolonialherrschaft gefallen (abgesehen von der Besetzung durch Italien zwischen 1935 und 1941). Bis 1974 war Äthiopien bzw. das Kaiserreich Abessinien eine konstitutionelle Monarchie. Der letzte Kaiser, Haile Selassie, wurde vom Militär gestürzt. Major Mengistu Haile Mariam übernahm daraufhin die Macht und schaffte die Monarchie ab. Das Land wurde mit sowjetischer Hilfe zu einer sozialistischen Volksrepublik. Seit 1991 ist Äthiopien eine föderale Republik mit einem Parlament bestehend aus zwei Kammern. Die Mitglieder des Volksrepräsentantenhaus (kurz Parlama genannt) werden direkt vom Volk für fünf Jahre gewählt.

 

 

Regionalen Traditionen und Produkten einen Wert geben

Die Stadt Bahir Dar am 3.156 Quadratkilometer großen Tanasee hat sich neben der Hauptstadt Addis Abeba zum bedeutendsten Konferenzort Äthiopiens entwickelt. Das bietet günstige Voraussetzungen für die Belebung regionaler Kulturtraditionen und landestypischer Produkte. So fassten der Naturschutzbund Deutschland und die Michael-Succow-Stiftung mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsministeriums das Gebiet um den Tanasee 2012 ins Auge, um ein weiteres afrikanisches „Men and biosphere“-Projekt zu verwirklichen. Im Unterschied zu Nationalparken geht es dabei um den ausdrücklichen Einbezug der Menschen in den Schutz der Natur. Gerade durch die behutsame Nutzung regionaltypischer Rohstoffe und Fertigkeiten wird der landschaftliche Reiz erhöht und touristisch nutzbar.

Schon beim Anflug zeigt sich ein Mosaik von Dörfern inmitten kleiner Feldstücke. Das Land ist bis in die Berghänge hinauf genutzt. 95 Millionen Menschen wollen ernährt werden. Emsiges Wirken ist überall spürbar. Vielleicht bekamen die Hochland-Äthiopier deswegen den Beinamen „Preußen Afrikas“.

Vielleicht spielen aber auch 3000 Jahre ununterbrochene Eigenstaatlichkeit eine Rolle. Äthiopien konnte als einziges großes Land in Afrika während der Kolonialzeit seine Selbständigkeit behaupten, seine Stammesgrenzen wurden nie willkürlich durchschnitten. König Ezana (325 bis 355) führte das Christentum als Staatsreligion ein. Äthiopien gehörte damit in der Region zu den ersten Ländern, die eine christliche Prägung erfuhren. Wer die steinernen Überreste aus jener Zeit erblickt, staunt über deren tiefe Symbolkraft und verblüffend modern anmutende Form. Wir treffen hier auf eine Hochkultur, die der europäischen Antike mindestens ebenbürtig ist. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, wie sähe Afrika heute aus, wenn sich die Königreiche von Nubien, Ghana oder Uganda ohne Bruch durch den Kolonialismus organisch weiter entwickelt hätten.

Mit einem kleinen Boot fahren wir von der Stadt Bahir Dar am Südufer des Tanasees zum Kloster Ura Kidane Meheret auf der Halbinsel Zege. Schon von weitem zeigt sich ein bewaldeter Hügel, der vom Kreuz einer Rundkirche überragt wird. Wald gibt es in Äthiopien fast nur noch im Umfeld von Klöstern, denn die Bäume dort gelten als heilig. Außerhalb davon zeigt sich überall der Nutzungsdruck der wachsenden Bevölkerung. 1970 waren noch 40 Prozent des Landes bewaldet; in den 90er Jahren nur noch 3 Prozent! Durch massive Aufforstungen stieg der Waldanteil inzwischen wieder auf etwa 6 Prozent. Allerdings erfolgte die Aufforstung vor allem mit Eukalyptus, welches schnell wächst, viel Wasser benötigt und die Entwicklung anderer Vegetation behindert.

Am Bootsanlegeplatz von Zege begrüßt uns der Sprecher der Dorfgemeinschaft, Tiruneh Enyew. Sichtlich stolz führt er uns auf einem schmalen Pfad, gesäumt von Kaffeesträuchern, unter Waldbäumen verschiedenster Arten zum Kloster Ura Kidane Meheret hinauf. Meerkatzen begleiten uns in den Kronen der Bäume und vielfältige Vogelrufe hüllen uns regelrecht ein. Der Weg wird von Verkaufsständen begleitet, auf denen die Einheimischen Kunsthandwerk, Weihrauch, Myrrhe, Kaffee und traditionelle Kleidungsstücke anbieten. Barfuß betreten wir die Rundkirche auf dem höchsten Punkt der Halbinsel und blicken leuchtenden Wandmalereien ins Auge.

Das NABU-Projekt hat den Verkauf von Regionalprodukten nicht begründet, aber wohl in eine professionellere Form gebracht. Gleiches gilt für die Schulung der örtlichen Führer. Vor der Rückfahrt nehmen wir noch an einer traditionellen Kaffeezeremonie teil. Die Kaffeebohnen werden gewaschen, getrocknet, geschält, geröstet, gestampft und dann zwei bis drei Mal mit heißem Wasser aufgegossen. Währenddessen erzählt uns Tiruneh Enyew von den weiteren Planungen der Dorfgemeinschaft. Sie wollen ein Restaurant mit einer Biogasanlage bauen, welche die Abfälle von Menschen und Tieren aufnimmt und daraus Energie herstellt.

Regionalinitiativen dieser Art werden von Wirtschaftsstrategen oft als schönes Beiwerk abgetan. Sie machen ein Land aber interessant für weitere wirtschaftliche Aktivitäten und geben den jeweiligen Regionen ein unverwechselbares Gesicht. In der Europäischen Union laufen solche Regionalprogramme unter dem Begriff Valorisation, der Inwertsetzung kultureller und natürlicher Reichtümer einer Gegend! Hier spielt noch eine wichtige Rolle, dass der NABU der Bevölkerung als freier Träger ohne hoheitliche Befugnisse in Gestalt der deutschen Wissenschaftlerin, Dr. Ellen Kalmbach, gegenübertritt. Die deutsche Entwicklungsunterstützung ist zurückhaltend und werbend angelegt. Die Eigenent­scheidung der Äthiopier steht eindeutig im Vordergrund. Wir haben den Eindruck, dass dieses Konzept greift.

 

Wasser speichern und Bodenabschwemmung verhindern

Auf das Hochland von Äthiopien gehen in den Monaten Juli und August oft sturzflutartige Regenfälle nieder; anschließend muss es eine Trockenzeit überstehen, die 6 bis 8 Monate dauern kann. Unter diesen Gegebenheiten sind Wasserrückhalt und Vermeidung von Bodenerosion lebenswichtig. Jährlich gehen landesweit rund 30.000 Hektar fruchtbarer Boden durch Abschwemmung verloren. Unwillkürlich erinnern wir uns, dass schon in Texten der Pharaonenzeit vom fruchtbaren Nilschlamm aus den Bergen Äthiopiens die Rede war. Beim Flug über das Land sehen wir gewaltige Erosionsrinnen und viele kahle Hänge. Andererseits weisen die Böden eine tiefe Fruchtbarkeit auf; sie sind locker und gut durchwurzelbar. Dieser Umstand verstärkt aber die Erosion. Wir sehen den Blauen Nil, der eigentlich Brauner Nil heißen müsste. Sein Wasser ist rotbraun von erodierter Erde. Selbst im riesigen Tanasee war uns die ockerbraune Färbung des sedimenthaltigen Wassers schon aufgefallen.

Zu Beginn des Jahrhunderts startete die äthiopische Regierung in 177 Distrikten des Landes ein groß angelegtes Programm zur nachhaltigen Landbewirtschaftung. In jedem Distrikt wurden drei staatlich bezahlte Berater eingesetzt, für Tierzucht, für Landbau und für Bodenschutz. „Unsere Entwicklungsarmee“ werden Sie im Jargon der Regierung genannt.

Wir fahren von Bahir Dar 45 Kilometer nach Südosten in den Distrikt Sheba-Tindwat. Die Talgemeinschaft Tindwat umfasst 11.000 Hektar mit 3.300 Haushaltungen. Die gewählten Repräsentanten der örtlichen Talgemeinschaft haben Aufstellung genommen, sieben Männer und vier Frauen. Der äthiopische Berater für Wasserspeicherung und Bodenschutz stellt die Neuerungen der Landbewirtschaftung vor.

  1. An Hängen und Gräben wird nicht mehr geweidet, die Tiere werden vielmehr auf ebenen Flächen eingepfercht oder angebunden und dort gefüttert. Jede Familie sorgt aber wie bisher für ihr eigenes Vieh.
  2. Jedes Dorf legt in Gemeinschaftsarbeit schmale Terrassen mit Stein- und Erdwällen an, um den Wasserabfluss zu bremsen. Auf den Terrassen kann geackert werden, die Wälle begrünen und durchwurzeln sich innerhalb weniger Jahre mit Strauchwerk.
  3. In Mulden werden Wasserspeicher
  4. Verbesserte Züchtung lokal angepassten Saatgutes und Vermehrung durch die Kleinbauern sorgt für mehr Erträge.

Die Bemerkungen der örtlichen Würdenträger deuten darauf hin, dass die Regierung hier geschickt vorgeht. Jede einzelne Dorfgemeinschaft kann selbst beschließen, ob sie die Neuerungen durchführen will. In manchen der 177 Distrikte dauerten die Beratungen viele Monate. Finanziell unterstützt wird das Programm nachhaltige Landbewirtschaftung durch die Europäische Union und Kanada. Durchführungsorganisationen sind die Deutsche GIZ und die KfW-Entwicklungsbank. Dr. Johannes Schoeneberger von der GIZ ist seit fünf Jahren vor Ort. Er betonte die unterstützende Rolle der deutschen Berater. Wir sehen hier die gleiche subsidiäre Grundhaltung wie beim NABU-Regionalprojekt am Tanasee. Alle Entscheidungen sollen von den Äthiopiern selbst getroffen werden.

Dank unserer versierten Übersetzer vom Englischen in das Amharische erfahren wir beim Gang über die Felder viel von der Sichtweise der örtlichen Bevölkerung. Eine starke Verbundenheit der Familien mit ihrem Ackerland fällt auf. Das ist kein Wunder, sie bewirtschaften es mit dem einscharigen Pflug, den sie auf den Schultern vom Dorf hinaustragen und der dann von zwei Ochsen gezogen wird. Das süddeutsche Flächenmaß Tagwerk kommt einem da in den Sinn. Es bezeichnet die Größe, welche ein Bauer an einem Tag pflügen konnte, rund 3.400 Quadratmeter. Die Äcker hier sind nochmal deutlich kleiner. Manche Agrarexperten kämen da wohl schnell auf die Idee, Felder zusammen zu legen und große Maschinen einzusetzen, um die Erträge zu steigern. Von den äthiopischen Beratern hören wir dazu den Satz „Wo sollen dann all die Menschen hin?“ Der Weg der Industrialisierung ist angesichts globalisierter Produktion, die alle Bedarfsgüter irgendwo auf der Welt konkurrenzlos billig herstellt, zweifelhaft geworden. Die äthiopische Regierung setzt – jedenfalls in diesem Landesteil– darauf, die Bewirtschaftung in der Hand selbständiger Bauern zu halten, die ihre Felder eigenverantwortlich nutzen. Aus deutscher Sicht ist das ein vernünftiger Ansatz. Das Geheimnis unseres wirtschaftlichen Erfolges beruht schließlich auch auf möglichst vielen selbständigen Existenzen. Hier im Hochland von Äthiopien spüren wir den Stolz der Bauern auf die Verbesserungen, die sie durch das Programm nachhaltige Landbewirtschaftung erreichen konnten. Eine allgemeine Zuversicht ist deutlich spürbar. Flüchtlingswellen entstehen unter solchen Umständen nicht. Zum Abschluss dieser Exkursion treffen wir den Landwirtschaftsminister Ato Tefera der Region Amhara. Er betont noch einmal den Wert selbständiger Existenzen, die Eigenverantwortung und die Modernisierung in kleinen Schritten, so dass kein zusätzliches Proletariat entsteht.

 

 

Welcher Entwicklungspfad ist der richtige?

„Entwicklung“ lief bis zur Finanzkrise 2008 nach einem klaren Muster ab. Institutionen wie die Weltbank gaben „zurückgebliebenen“ Staaten Kredite für Infrastrukturprojekte und verlangten dafür die Umstellung der Selbstversorgerwirtschaften auf den Export von Rohstoffen sowie die Öffnung ihrer Märkte, also den zollfreien Import von Produkten aus den Industrieländern. Die Verschuldung der 60 ärmsten Länder der Welt stieg auf diese Weise zwischen 1970 und 2000 von 25 auf 523 Milliarden US-Dollar (Prashad „History oft the Third World“, New York 2007, S. 276). Für Investitionen in Produktionsanlagen mussten die Empfängerstaaten bürgen. Da diese Methode drei Jahrzehnte lang auf alle Entwicklungsländer gleichermaßen angewandt wurde, gerieten die Preise ihrer Export­produkte immer wieder unter Druck, so dass die Löhne der einheimischen Arbeitskräfte mehr fielen als stiegen. Die externen Investoren zogen darüber hinaus den größten Teil der Gewinne ab, denn sie mussten ja die Renditen ihrer Kapitalgeber bedienen.

Gleichzeitig bewirkte die Verpflichtung zur Öffnung der Märkte schwallartige Einfuhrwellen aus Industrieländern je nach der dortigen Konjunkturlage. Zurzeit gibt zum Beispiel die EU wieder Exportbeihilfen für Milchprodukte, um den Produktionsanstieg nach dem Wegfall der Milchquote und die Liefersperre gegen Russland auszugleichen. In unserem Hotel in Bahir Dar kamen zum Beispiel die Döschen mit Kaffeesahne aus Europa.

All das führte in den letzten Jahren zu Rufen nach einem anderen Entwicklungsmodell. Selbst die Weltbank akzeptiert heute, dass Marktöffnungen nur in kleinen Schritten über mehrere Jahrzehnte hinweg erfolgen dürfen. Als entscheidend sieht man heute eine Entwicklung aus kleinen Keimzellen heraus an, die sich aus möglichst vielen eigen­ständigen Existenzen aufbaut. Amharas Landwirtschaftsminister Ato Tefera sagte dazu völlig richtig: „Wir müssen dazu kommen, unsere Rohstoffe selbst zu Endprodukten zu verarbeiten und zunächst unsere Bevölkerung mit allen notwendigen Gütern zu versorgen.“

 

Solarstrom für Mobilfunk und Licht

Äthiopien ist reich an erneuerbaren Energiequellen, dennoch haben nur 23 Prozent der 95 Millionen Einwohner einen Stromanschluss. Unter den 67 Millionen Menschen, die in ländlichen Regionen leben, sind es sogar nur 5 Prozent. Dort gab es bis vor kurzem kaum

bezahlbare Alternativen zu Brennholz. Zusätzlich wusste die ländliche Bevölkerung wenig über die Vorteile einer modernen Energieversorgung. Die Folgen sind weitere Abhol­zungen, Bodenerosion und Atemwegserkrankungen. 2010 rief die äthiopische Regierung daher mit internationaler Unterstützung das Projekt „Energizing development partner ship – EnDev“ ins Leben. Das Ziel ist der Aufbau selbsttragender Märkte für moderne Energieformen. Kernelement ist das Training von Herstellern und Händlern der neuen energieeffizienten Kochherde und kleiner Solaranlagen. Seit 2000 verkauften die örtlichen Händler 920.000 effiziente Kochherde. Bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von sechs Personen erreicht diese Verbesserung 5,5 Millionen Menschen. 3,3 Millionen Menschen in ländlichen Gebieten bekamen über kleine Photovoltaikanlagen Zugang zu elektrischem Strom. Solarleuchten kosten einschließlich Batterie rund 45 Euro. Das ist viel bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 20 Euro. Deshalb gibt es für Elektrifizierung Mikrokredite. „Solar-home-Systeme“ mit 150 bis 200 Watt Leistung werden in Krankenstationen und Schulen eingerichtet. Ihr Strom reicht für einige Lampen und zum Laden von Mobiltelefonen. Sie kosten etwa 180 Euro. Die Anlagen können geleast werden. Der Eigentumsübergang erfolgt, wenn die Investition bezahlt ist. Die Kommunalpolitiker wollen die Inselanlagen allmählich zu lokalen Netzen der Gemeinden zusammenwachsen lassen. Ab einer bestimmten Anlagendichte bilden sich zu diesem Zweck Energiekoopera­tive. Beim Hinausgehen sagt uns ein europäischer Mittelsmann beiläufig, fast alle Anlagen würden aus Deutschland geliefert!

Die Reaktionen auf den Stromanschluss klingen fast euphorisch. Eine junge Frau sagt uns: „Endlich kann ich am Abend noch in Ruhe lernen.“ Mobiltelefone sind jetzt auf dem Land allgegenwärtig. Bei einer unserer Autofahrten sehen wir zwei Hirten in ihren traditionellen farbigen Gewändern unter einem Baum am Straßenrand sitzen. Sie sitzen da wie Steinsäulen, vorn übergebeugt, bewegungslos. Als wir an ihnen vorbeifahren, sehen wir, dass beide auf ihren Mobiltelefonen herumtippen. Gerade der Zugang zu Elektrizität bringt in ländlichen Räumen eine Stimmungswende: Junge Menschen sehen für sich eine Zukunft im eigenen Land. Sie wollen alles tun, um daraus etwas zu machen.

 

Konkurrenz zwischen Wasserkraft und Landwirtschaft

Die 180 Kilometer lange Fahrt im Osten des Tanasees von Bahir Dar nach Gondar bringt atemberaubende Ausblicke und auch einen tiefen Einblick in ökologische Zusammenhänge der Region. Die Tanasee-Ebene hat eine Nordsüdausdehnung von 70 Kilometern. Sie gehört zu den landwirtschaftlich wichtigsten Regionen Äthiopiens. Ein dichtes Netz von Bewässerungsgräben ermöglicht mehrere Ernten im Jahr. Wir sehen Reisfelder bis zum Horizont, aber auch das Nationalgetreide Teff, Mais, Weizen, Zuckerrohr und Gemüse. Äthiopien ist mittlerweile zu einem der wichtigsten Reislieferanten Indiens geworden.

Während der Regenzeit steigt der Wasserspiegel des Tanasees an und setzt die Reisebene unter Wasser. In der Trockenzeit fällt der Wasserspiegel so weit, dass die Felder betreten und abgeerntet werden können. Nun gibt es aber am südwestlichen Ende des Tanasees einen künstlich angelegten Auslauftunnel, der Wasser aus dem See über den Unterlauf des Blauen Nils einem neuen Wasserkraftwerk an der Grenze zum Sudan zuführt. Die dauerhafte Ausleitung der vorgesehenen Wassermenge würde allerdings das Reisanbaugebiet im Norden des Sees trockenlegen. Die Balance zwischen Nahrungsmittelerzeugung und Stromproduktion ist umstritten.

Wir kommen in die Gebirgsschwelle, welche die Tanasee-Ebene im Norden begrenzt. Die landwirtschaftliche Nutzung zieht sich bis auf eine Höhe von 3600 Metern. Kahle Hänge großen Ausmaßes sind die unerbittliche Folge von Überweidung und Bodenabtrag. Plötzlich üppiger grüner Wald. Wir steigen aus, es duftet nach Harz. Vielfältige Vogel­stimmen steigen aus den Baumkronen zur Serpentinenstraße herauf. Das Waldgebiet trägt den Namen Washa Endyrias. Es gehört zum Landbesitz eines Klosters, dessen Dächer zwischen den Bäumen zu erahnen sind. Nur so konnte der Baumbestand überleben. Frisch gefällte Bäume am Rand zeigen aber, dass der Nutzungshunger jetzt auch daran nagt.

 

Nach dem Überschreiten der Passhöhe sehen wir viel Sorghum-Anbau. Kakteen säumen die Straße, doch unmittelbar daneben wird Ackerbau betrieben. Es muss also auch hier immer noch genügend Regen fallen.

Kreisende Adler, Geier, Weihen, Bussarde und Falken kündigen die Abfallberge am Rand der alten Kaiserstadt Gondar an. Offiziell hat sie 265.000 Einwohner, inoffiziell 400.000. Obwohl wir mittags ankommen, ist das Klima dank der Höhenlage von 2230 Metern angenehm.

 

Bildung und Gesundheit wohnortnah

Den Abschluss unserer Rundreise bildet der Blick auf Basisschulbildung und wohnortnahe Gesundheitsversorgung. Lesanu Matheos, katholischer Bischof von Bahir Dar und Gondar, begleitet uns. Die katholische Kirche betreibt hier, unterstützt vom deutschen Missionswerk Missio, eine Grundschule, ein Krankenhaus mit eigener Apotheke, vor allem für Frauen und Kinder, eine Kunstwerkstatt für alleinstehende Frauen und eine Blindenschule. Alle Einrichtungen liegen inmitten eines Wohngebietes, so dass sie gut zu Fuß erreicht werden können. Wir treffen Menschen aller Glaubensrichtungen an. In dem Gelände weiden Rinder, Schafe und Ziegen zur Selbstversorgung, dazwischen eingezäunte Gärten mit Bananen, Feigen, Papaya und Gemüse. Schwestern des Konvents St. Anna leiten den Betrieb. Wie in solchen Einrichtungen erhofft, spüren wir eine familiäre und achtsame Atmosphäre.

Das katholische Christentum spielt in Äthiopien kaum eine Rolle. Nur rund ein Prozent der Bevölkerung gehört der katholischen Konfession an. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche prägt das öffentliche Leben im Hochland sehr stark. Uns fällt immer wieder auf, dass die orthodoxen Kirchen sehr gepflegt und baulich in einem guten Zustand sind. Auch das lässt Rückschlüsse auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu. Zum Abschluss unserer Reise besichtigen wir die orthodoxe Kirche der Dreifaltigkeit, Debre Berhan Selassie. Sie ist zwar als Bau von 1694 relativ jung (der eigentliche Bau ist allerdings viel älter), doch in ihrer religiösen Ausdrucksform typisch für das Wesen der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Wir durchschreiten ein massives Hoftor und sofort fällt der Lärm der Stadt hinter uns ab. Hinter einer hohen Mauer mit Wehrtürmen steht die Kirche inmitten alter Bäume. Ein Priester öffnet die Eingangstür aus abgewitterten Holzbohlen. Ausdrucksstarke Gesichter blicken uns aus den Wandmalereien an; Über uns die weltberühmte Engelsdecke. Der Raum strahlt eine archaische Erhabenheit und etwas Behütendes aus.

Trotz der Ruhe hier weist die Kirche auf den latenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen hin. 1888 wurde sie von sudanesischen Mahdisten bei einem Überfall auf Gondar zerstört. Solche Konflikte ziehen sich durch die ganze Geschichte Äthiopiens. Ab 1200 verbreitete sich der Baustil von aus dem Fels geschlagenen Kirchen. Heute noch sind rund 60 Felsenkirchen im äthiopischen Hochland östlich des Tanasees bekannt. Sie sollten oberirdisch nicht sichtbar sein, sondern ein „afrikanisches Jerusalem“ im Schoß der Erde bilden. Man muss sich das vorstellen: Eine ebene Fläche auf Granituntergrund. In dieses Gestein werden in jahrzehntelanger Arbeit Kirchengebäude mit Höhen bis zu 15 Metern hinunter gemeißelt! Heute sind etwa 35 Prozent der Einwohner Äthiopiens sunnitische Muslime. Das Zusammenleben ist überwiegend friedlich. In den achtziger Jahren wurden drei muslimische Feiertage zugelassen. Seit der Jahrhundertwende werden mit finanzieller Hilfe Saudi Arabiens in vielen Städten Moscheen gebaut. In den an Somalia angrenzenden Regionen ist ein wachsender Einfluss der wahabitischen Lehre zu bemerken. Dieser Einfluss könnte die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nachhaltig belasten.

Beeindruckend war auch die Erkenntnis, dass ein vergleichsweise armes Land wie Äthiopien 800.000 Flüchtlinge aufgenommen hat und dies kein großes Konfliktthema im Land zu sein scheint.

 

Mein Resümee

Bei einer solchen Fahrt kann man immer nur einen kleinen Eindruck von einem Land gewinnen, aber dennoch hilft es einem sehr, die Situation besser zu verstehen, als nur die Berichte zu lesen. Es bleiben Fragen und Themen offen, so haben wir nicht die Landgrabbing-Flächen im Südwesten, nicht die Umsiedlungen in der Region Gambella und nicht die Hungergebiete im Nordosten gesehen.

Auffällig sind das Engagement der Bevölkerung in Entwicklungsprojekten und die Grundzuversicht in das Handeln der staatlichen Organe. Vieles scheint hier recht geordnet zu verlaufen. Eventuell spielt dabei eine Rolle, dass die Staatlichkeit Äthiopiens nicht durch Kolonialismus unterbrochen wurde. Bei den Gesprächen mit Menschen, die direkt von Entwicklungsprojekten berührt sind, hörten wir immer wieder einen gewissen Stolz heraus, auch wenn die Fortschritte klein sind. Entscheidend scheint uns das Setzen auf die Eigenentwicklung selbständiger Existenzen. Das gilt für Bauern, Handwerker und Geschäftsleute in den Städten gleichermaßen. Der Zugang zu Elektrizität ist wohl der zentrale Schlüssel, damit junge Menschen in diesem Land ihre Zukunft sehen und dort bleiben.

Eines der zentralen Probleme für viele Länder Afrikas ist die Abholzung und die damit verbundene Erosion. Aufforstungsprojekte, aber vor allem der Schutz der verbleibenden Wälder sollte damit im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen. Dies hilft Natur und Menschen besser zu überleben und Standards zu sichern. Dabei gilt es, die lokale Bevölkerung miteinzubeziehen. Einige Projekte in Äthiopien könnten dafür Vorbildcharakter haben.

Ich halte es für immens wichtig, das deutsche und europäische Engagement in Äthiopien und der Region zu verstärken. Je stabiler sich solche Länder – gerade in dieser schwierigen geographischen Lage – entwickeln, desto vorteilhafter ist dies gerade auch für Europa. Auch als Bollwerk gegen Terrorismus und fundamentalistischen Islam nehmen gemischt religiöse Länder wie Äthiopien eine zentrale Rolle ein. Den wirtschaftlichen Aufbau dieser Länder darf man nicht allein den Chinesen überlassen.

Text: Bericht von Josef Göppel mit zusätzlichen Fakten zu Äthiopien, Anmerkungen, Erweiterungen und einem persönlichen Resümee von Marco Bülow

Reise des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag nach Tansania – 05. bis 11. Mai 2013

Entwicklung des Landes – an den Menschen vorbei?

Gemeinsamer Bericht der Abgeordneten Marco Bülow, Josef Göppel, Dorothea Steiner, Sabine Stüber

 

Reisebericht Tansania als PDF mit Bildern

 

Die Themen der Reise

Am Tag der Ankunft in Dar es Salaam sprang uns die Balkenüberschrift der Zeitung „THE AFRICAN“ entgegen: „Tansanisches Land billig an Fremde verkauft“. Ein Hektar wird danach an ausländische Investoren für 88.000 tansanische Schillinge abgegeben. Das entspricht 44 Euro. Ländliche Entwicklung als Rohstoffbasis für Saudi Arabien und China? Uns fällt beim Blick in diese Zeitung sofort Brandenburg ein, wo internationale Kapitalgesellschaften ebenfalls Land aufkaufen, um Agrarrohstoffe für den Weltmarkt zu erzeugen. „Landgrabbing“, das Zusammengrabschen von Land nennt man diesen Vorgang. Wir wollten der Frage nachgehen, was die einheimische Bevölkerung davon hat.

Gleichzeitig wird der mit dem Tourismus verbundene Wasserverbrauch zu einem immer größeren Problem. Wie diese Herausforderung zu lösen wäre, das wollten wir an den Brennpunkten des internationalen Tourismus in Tansania sehen.

Im Konflikt mit dem Tourismus geht es auch um die Landrechte der angestammten Bevölkerung. Tansania hat 21 % seiner Landfläche als Naturgebiete ausgewiesen. Der Tourismus ist nach dem Goldbergbau der zweitgrößte Devisenbringer des Landes. Lassen sich die alten, lokal angepassten Wirtschaftsformen damit verbinden? Seit 1959 gibt es im Ngorongoro-Schutzgebiet an der Grenze zu Kenia genau diesen Versuch: Das Vieh der Massai darf zwischen den Wildtieren grasen. Wie steht es aktuell um die Vereinbarkeit von traditioneller Nutzung mit dem Wildtierschutz?

 

Große Probleme beim Trinkwasser und bei der Abwasserentsorgung

Die Bevölkerung Tansanias wächst kontinuierlich. Das stellt die Versorgung mit Trinkwasser und die Abwasserentsorgung vor nicht endende Probleme. Insbesondere die Trinkwasserversorgung zeigt eine gespaltene Situation: Mehr als die Hälfte der Menschen insbesondere in ländlichen Gebieten hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das ist die Basis für verbreitete wasserinduzierte Krankheiten wie z.B. Cholera. Seit 2007 gibt es ein nationales Wasserprogramm, in dem die tansanische Regierung und internationale Geber Wasserprojekte mit direkter Budgethilfe über den Staatshaushalt finanzieren. Die Bundesrepublik fördert darüber hinaus bilaterale Projekte im Wassersektor. Tansania hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: bis 2015 sollen 65% der Landbevölkerung mit sauberem Wasser versorgt werden. Seit Beginn dieses Programms sind Erfolge sichtbar: 2,4 Mio. Menschen auf dem Land und 1,8 Mio. in den Städten haben seit 2007 Zugang zu einer Trinkwasserversorgung erhalten. Es zeigt sich jedoch, dass die tatsächlichen Verbesserungen weit hinter den angestrebten Zielen zurückbleiben, unter anderem, weil das Bevölkerungswachstum den Ausbau der Versorgungssysteme konterkariert. Selbst in Dar Es Salaam gibt es regelmäßig Unterbrechungen der Wasserversorgung, die irgendwie aufgefangen werden müssen. Für manche Viertel bedeutet das, dass dann eben Wasser in Kanistern gekauft werden muss.

Wir haben festgestellt, dass in den Regionen, in denen der Tourismus ein wichtiger Faktor ist, wie im Ngorongoro Gebiet, beschränkte Wasserressourcen von Lodges und Hotels intensiv genutzt werden, während die eigentlichen Bewohner sprichwörtlich auf dem Trockenen sitzen. Als wichtiges Instrument haben sich hier simple Wasserzähler und die Einführung einer Wassernutzungsgebühr für die Hotels erwiesen, die den sparsamen Umgang mit Wasser befördern. Das berichten jedenfalls die Maasai am Ngorongoro Krater.

Ein ebenso großes Problem wie die Trinkwasserversorgung ist die Belastung durch ungeklärte Abwässer, vor allem in den Städten. Als Dar Es Salaam um 2010 seine Abwasserentsorgung der erwarteten Bevölkerungszahl angepasst hatte, war diese erneut überproportional gestiegen und die Klärung und Ableitung der Abwässer war für Stadtviertel oder einzelne Einrichtungen nicht mehr wirksam möglich. Die gesundheitlichen Folgen sind leicht vorstellbar. In dieser Situation wächst die Bedeutung von innovativen dezentralen Projekten, gefördert durch Selbsthilfe einzelner Einrichtungen und Initiativen und durch Geberländer. Unsere Delegation hat am Rand von Dar Es Salaam ein Hospital von CCBRT (eine NGO im Gesundheitsbereich) besucht. Dort wurde mit Unterstützung der Bremer non-Profit Organisation Borda auf dem Gelände eine Abwasserkläranlage eingerichtet. Dort wird als erstes das entstehende Methan 3 zur Energieerzeugung abgezogen, anschließend werden über anaerobe Filter und eine Pflanzenklärung die Schadstoffe herausgefiltert und das geklärte Wasser kann wieder verwendet werden – außer für sterile Verwendungen. Hervorragende Wirkung mit relativ geringen Mitteln! Die Vermittlung des entsprechenden Knowhow und die Schulung von Technikern eröffnet ein großes Potenzial für dezentrale Problemlösungen und für qualifizierte Unterstützung. Wir wünschen diesem und ähnlichen Projekten im Wasserbereich eine große Beachtung und auch Förderung.

 

Der Massai Konflikt

8.000 Quadratkilometer umfasst die Ngorongoro Conservation Area westlich vom Kilimanjaro. 60.000 Massai leben darin in 25 Dörfern. Es ist das einzige Schutzgebiet Tansanias, aus dem die ursprüngliche Bevölkerung nicht umgesiedelt wurde. Die Regierung hat nun Angst, dass die Zahl der Massai immer mehr zunimmt und das Gebiet für den Tourismus uninteressant macht.

Wir suchen zunächst das Gespräch mit der Schutzgebietsverwaltung und erleben dort einen offenbar völlig überforderten Conservator. Er soll das Verbot des Feldfruchtanbaus am Rand der Dörfer durchsetzen. Der Rat der Massai wendet dagegen ein, dass die Ernährung der Bauernfamilien ohne Mais, Bohnen und Gemüse nicht möglich ist. Angesichts der kümmerlichen Felder um die Rundhüttendörfer wirkt der Vorwurf, hier würden inmitten des Schutzgebiets Produkte für den Weltmarkt erzeugt, geradezu lächerlich. In der Massaisteppe ist Wanderweide die einzig mögliche Form der Landnutzung. Regelmäßigen Ackerbau machen die extrem schwankenden Regenfälle unmöglich.

Wir fahren in das 3000 m hoch gelegene Dorf Nainokanoka. Das bedeutet in Suaheli „Nebeldorf“. Selbst der Name des Gebietes Ngorongoro stütze das Daseinsrecht der Massai, sagen sie, denn das sei die Wiedergabe des schon immer hier vorhandenen Klanges der Kuhglocken. Wir treffen dort auf ärmliche Menschen mit Zeichen der Mangelernährung, Augenleiden und Zahnschäden. Die Romantik der Viehhirten mit ihren leuchtend bunten Gewändern täuscht. An den Erträgen des Tourismus haben diese Menschen keinen Anteil. Sie spüren im Gegenteil die Auswirkungen des steigenden Wasserverbrauchs der Hotels im Schutzgebiet, die mit höchstem Komfort locken und einen Großteil des Quellwassers abschöpfen. Erst vor kurzem führte man überhaupt Wasserzähler für sie ein. Im benachbarten Kenia scheint die Stellung der einheimischen Bevölkerung stärker zu werden. Dort müssen jetzt 75% der Schutzgebietsmitarbeiter aus der unmittelbaren Umgebung stammen und 60% der Parkeinnahmen an die lokalen Gemeinden fließen.

Gegen die Massai im Ngorongoro Schutzgebiet werden immer wieder auch ökologische Vorwürfe erhoben. Ihre Viehherden würden eine staubige Halbwüste hinterlassen. Bei der Fahrt durch das Schutzgebiet achteten wir deshalb besonders auf den Zustand der Grasnarbe und des Bodens. Wir konnten keine Zeichen der Übernutzung erkennen, auch keine Trittschäden an den Hängen. Uns fiel vielmehr auf, dass die Wildtierherden mehr an bevorzugten Plätzen verweilen, als die von den Massaihirten ständig in Bewegung gehaltenen Nutztiere.

Dr.Eliamani Laltaika, der uns durch den Ngorongoro Krater in sein Heimatdorf Nainokanoka begleitet hat, erklärte uns die Situation der Maasai im Schutzgebiet und die Auswirkung der Forderungen, die die Schutzbehörde (NCAA) an die Maasai in den Dörfern stellt, aus seiner Sicht:

„Das Hauptproblem ist eine schlechte Regierungsführung. Wir Maasai glauben, dass die Ngorongoro Conservation Area Authoritiy (NCAA) und die Regierung von Tansania im Allgemeinen unfair uns gegenüber sind. Ihr Hauptanliegen ist es, Geld mit unserem Land durch den Tourismus ohne Rücksicht auf unsere Rechte als menschliche Wesen zu machen. Dadurch sind folgende Herausforderungen entstanden, der wir uns sehr schnell annehmen müssen:

1) Hunger: Die Ngorongoro Behörde sagt, dass wir die Umwelt zerstören, in dem wir kleine Betriebe (Bustani – in Swahili) zum Eigenbedarf unterhalten. Sie haben die Landwirtschaft im Jahr 2008 verboten. Keine Alternative. Frauen und Kinder leiden besonders und mindestens 10 Menschen sind in den letzten beiden Jahren an Hunger gestorben.

2) Die Zerstörung der Umwelt: aus Mangel an Alternativen haben einige Dörfer entschieden, Tiere zu töten, um sie zu essen. Auch Holz wird verkauft. Das hat die Natur der Region mehr als in jeder anderen Periode in der Geschichte zerstört.

3) Mangelnde Einbeziehung in lokale Gemeinschaften: Der NCA wird hauptsächlich durch zwei Organe vertreten: Der Vorstand, dessen Vorsitzender vom Präsidenten ernannt wird und anderen Mitgliedern des Ministeriums für Tourismus und Natürliche Ressourcen. Im Vorstand ist von 13 Mitgliedern momentan nur ein Maasai vertreten. Auch der Abgeordnete Herr Ole Telele ist kein Mitglied dieses Gremiums. Dieses Management-Team trifft von Tag zu Tag Entscheidungen für diese Gegend und hat nicht auch nur einen einzigen Maasai vertreten. Letztendlich spüren diese Führungskräfte nicht den Schmerz der Massai.

4) Unterschiedliche Wahrnehmung: Wir Maasai haben das Gefühl, dass wir unser Land schützen und dies seit vielen Jahren. Die Regierung und andere Behörden meinen, dass wir uns bewegen und „Erhaltung“ ermöglichen müssen. Welche Art von Erhaltung? “

Uns scheint es dringend erforderlich, dass die Fachleute der UNESCO und der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft in ihre regelmäßigen Berichte über das Gebiet auch direkte Stellungnahmen des Rates der Massai aufnehmen. So ist beispielsweise der Vorschlag des staatlichen Conservators, die Bauern sollten auf eine leistungsfähigere Rinderrasse umstellen, Die Idylle der naturnahen Menschen in leuchtenden Gewändern täuscht. Mangelernährung, Zahnschäden und Augenleiden sind weit verbreitet.  die ihnen mehr Fleisch- und Milchertrag bringe, ökologisch höchst fragwürdig. Schwerere Tiere würden mehr Trittschäden erzeugen und den Trockenphasen weniger standhalten.

Die Vertreter der Massai beklagen eine sichtliche Ignoranz vieler staatlicher Stellen gegenüber ihrer halbnomadischen Lebensweise. Gleichzeitig werde im Tourismus mit ihnen geworben. Wir glauben, dass man diese Position ernst nehme sollte. Rund eine Million Massai reichen in dem 45 Millionen Staat für befriedende politische Entscheidungen offenbar nicht aus. Auf der anderen Seite muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Zahl der Massai und ihrer Tiere im Nationalpark beständig zugenommen hat.

 

Welterbe Ngorongoro Krater

Beim Blick in den Ngorongoro Krater ergreift uns trotz der aktuellen Nutzungskonflikte Hochachtung vor der Leistung der tansanischen Regierung, diese großartigen Naturschönheiten des Landes für die gesamte Menschheit zu bewahren. Wir sehen ein riesiges Rund mit 25 Kilometer im Durchmesser, 600 Meter tief fällt der steile Kraterrand ab. Am meisten beeindruckt uns das weiche türkisfarbene Licht, das auf blühende Matten, blinkende Gewässer und grasende Tierherden fällt. Kein Wunder, dass in den Reiseführern immer wieder die Begriffe überirdisch, friedlich und Garten Eden auftauchen.

 

Landausverkauf

Der Anpachtung großer Landflächen durch ausländische Kapitalgesellschaften widmen wir einen ganzen Tag. Ein typisches Beispiel finden wir im Distrikt Kisarawe südwestlich der Hauptstadt Dar es Salaam. In den Dörfern Marumbo und Mhaga tauchten 2006 Abgesandte des internationalen Konzerns Sun Biofuels auf. Sie warben in den Dorfräten dafür, das Gemeindeland der Investorenfirma für den Anbau von Jatropha-Nüssen zu übergeben. Damit würden umweltverträglich Biokraftstoffe erzeugt. Die Bevölkerung der Dörfer würde im Gegenzug eine finanzielle Entschädigung von umgerechnet 42 Euro pro Hektar bekommen. Die Bauern der Dörfer könnten die Jatrophabäume anpflanzen und die Nüsse dann regelmäßig an den Konzern verkaufen. Darüber hinaus würde Sun Biofuels Geld für die Schule bereitstellen, Medikamente an die Sozialstation liefern, allen Gemeindeteilen einen Trinkwasseranschluss beschaffen, neue landwirtschaftliche Geräte zur Verfügung stellen und in den Bau der Ortsstraßen investieren. Schließlich könnten über den Vertragsanbau hinaus viele gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen.

2007 kam es zu einer gemeinsamen Sitzung der Dorfräte von 11 Gemeinden. Die Verpachtung des Gemeindelandes auf 99 Jahre (!) an die Gesellschaft Sun Biofuels wurde unter dem Zuspruch des örtlichen Parlamentsabgeordneten und der Distriktsverwaltung einhellig beschlossen. Bis heute gibt es darüber keinen notariellen Vertrag, sondern nur das Sitzungsprotokoll der Dorfräte. Die Vertreter von Sun Biofuels wollten eigentlich die gesamte Gemeindefläche der 11 Dörfer mit 19.000 Hektar Land pachten. Von der staatlichen Verwaltung erhielten Sie dann aber nur eine Genehmigung für 9.000 Hektar.

2008 begann dann die Rodung der Flächen für den Jathrophaanbau. Das Gebiet um Marumbo und Mhaga ist relativ ebenes Land. Die Gemeindeflächen waren mit Buschwerk und niedrigen Bäumen bestanden. Bis dahin dienten sie zur Brennholzgewinnung. Außerdem hatten viele Dorfbewohner dort Obstbäume angepflanzt, deren Früchte sie selbst verzehrten oder auf Straßenmärkten verkauften. Jetzt rückten auswärtige Arbeiter an, die den Bewuchs rodeten und anschließend verbrannten. Geländeunebenheiten wurden mit Planierraupen ausgeglichen. Dabei kamen auch siebenhundert einheimische Männer als Saisonarbeitskräfte zum Einsatz. Ihr Lohn betrug anfangs 2,30 Euro pro Tag, später dann um die 50 Euro pro Monat. Die Dorfgemeinschaft erhielt in der Zeit der Anlage der Plantage von den versprochenen 42 Euro pro Hektar eine Summe von 16 Euro pro ha ausgezahlt.

Bis 2011 war etwa ein Drittel der 9.000 ha mit Jatrophabäumen bepflanzt. Dann kam das Projekt ins Stocken. Die Saisonarbeiter wurden entlassen. Es kam zu keinen weiteren Anpflanzungen. An den Toren zogen allerdings Wachposten auf. Die Dorfbewohner dürfen das gesamte Land nicht mehr betreten. Selbst die reifen Jatrophanüsse wurden bisher nicht geerntet. Vor Ort munkelt man über eine Insolvenz von Sun Biofuels und den Übergang an eine andere Firma namens Thirty Degree Temperature. Auf jeden Fall flossen seither keinerlei Zahlungen mehr. Den Zorn und die Enttäuschung der Dorfbewohner kann man sich vorstellen. Sie bildeten eine Interessengemeinschaft, zu deren Vorsitzenden Ibrahim Mohad aus Marumbo gewählt wurde. Seit zwei Jahren bemüht sich diese Interessenvertretung nun um die Einhaltung der Versprechungen oder um die Rückgabe des Landes – ohne Erfolg.

Seltsam berührt war die Deutsche Reisedelegation vom Verhalten der Distriktkommissarin in Kisarawe. Bei unserem Höflichkeitsbesuch behauptet sie geradeheraus, dass es keine Landverpachtungen an ausländische Investoren in ihrem Amtsbereich gebe! Unterstützt werden die betrogenen Dorfbewohner nur von Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam und der Tanzania Women Lawyers Association (TAWLA).

Bei einem Gespräch mit dem Amtsleiter des tansanischen Ministerpräsidentenbüros, Herrn Bede Lyimo, erklärte er, das Ziel der tansanischen Landpolitik sei eine nachhaltige Landnutzung und die nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen. Vorrangig sei jedoch, die Nahrungsmittelsicherheit für die Bevölkerung zu gewährleisten, was eine Grundversorgung mit Reis, Mais und Zucker verlange. Bei Projekten mit ausländischen Investoren würde er 25 000 Hektar pro Projekt für zulässig erachten, nicht aber Größenordnungen von 200 000 Hektar, wie von Investoren angefragt. Tansania habe kein Problem mit fruchtbarem Land, davon gäbe es 44 Mio. Hektar. Die Konflikte resultierten auch daraus, dass zum Teil keine Landtitel existierten und Viehbauern ebenso wie Kleinbauern das „öffentliche Land“ beanspruchten (village land). Diese Konflikte seien auch ein Erbe der Regelungen aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft. Zu dieser Zeit wurden Besitztitel eben nicht klar geregelt, sondern auf die traditionelle Nutzung verwiesen. Die in Tansania arbeitenden Stiftungen haben uns bei den Gesprächen auch darauf hingewiesen, dass Tansania wohl eine fortschrittliche Gesetzgebung hat, es aber große Probleme bei der Umsetzung gäbe. Das war auch unser Eindruck.

 

Elektrizität für Tansania

Bei einem Empfang der EU-Vertretung während der Besuchswoche sagte der Tansanische Energieminister Sospeter Muhongo der Deutschen Parlamentarierdelegation spontan einen Gesprächstermin zu. Muhongo ist Geologe und hat sein Studium in Deutschland absolviert. Über eine Stunde diskutieren wir die existenziellen Energieprobleme Tansanias und Entwicklungschancen durch erneuerbare Energien. Nur 21% der 45 Millionen Einwohner Tansanias haben zur Zeit Zugang zu elektrischem Strom, in den ländlichen Regionen sind es nur 7%. In den vorhandenen elektrischen Einrichtungen tritt ein Verlust von durchschnittlich 20% auf.

Viele Hoffnungen richten sich nun auf die Erdgasvorräte im Indischen Ozean bei der Insel Songosongo. Eine neue Pipeline zur Vier-Millionenstadt Dar es Salaam soll dort neue Gaskraftwerke ermöglichen. An zweiter Stelle sieht Muhongo die Nutzung der Tansanischen Kohlevorräte. Er verweist darauf, dass der Klimagas-Ausstoß Tansanias mit 0,2 Tonnen pro Kopf nur den 40sten Teil des Durchschnitts in Europa ausmacht.

Die Hoffnungen auf Strom aus Wasserkraft haben sich zerschlagen. Fünf Staudämme habe Tansania, doch sie seien fast immer trocken. So bleiben die anderen erneuerbaren Energien Solar, Wind, Geothermie und Biomasse. Minister Muhongo setzt eindeutig auf Solar und Windkraft, weil diese autonom und dezentral eingesetzt werden können. Die Hinweise aus der Deutschen Delegation auf die Wertschöpfung und Entwicklungschancen in ländlichen Räumen durch erneuerbare Energien fanden im Beraterstab Muhongos lebhafte Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erklärte sich Minister Muhongo sofort bereit, dem vom deutschen Umweltminister Peter Altmaier initiierten Netzwerk der Energiewende-Länder beizutreten. Das soll in einem Briefaustausch noch vor der deutschen Bundestagswahl besiegelt werden. Die Parlamentarierdelegation sagte umgekehrt zu, sich für ein Schwerpunktprogramm zum Aufbau dezentraler Solar- und Windkraftwerke in Tansania einzusetzen. Muhongo, der sich bis in technische Einzelheiten bestens informiert zeigte, hält die deutsche Technik bei Solar- und Windkraft für die Nummer Eins auf der Erde. Für ein Land wie Tansania sei die Zuverlässigkeit der Anlagen das entscheidende Kriterium.

 

World Wind Energy Conference in Istanbul – 15.06 bis 17.06.2010

Bericht zur Einzeldienstreise World Wind Energy Conference vom 15.06.2010 bis 17.06.2010 in Istanbul, Türkei

Die World Wind Energy Conference, die von der World Wind Energy Association (WWEA) und Eurosolar Türkei ausgerichtet wurde und vom 15. bis 17. Juni 2010 in Istanbul stattfand, diente als Plattform, bei der sich Vertreter aus Wissenschaft, Industrie und Politik über die neuesten Technologien im Bereich der Erneuerbaren Energien informierten. Gleichzeitig fand auf der Konferenz ein reger Austausch über strategische Zukunftsentscheidungen im Energiebereich statt. Ein Schwerpunkt lag u. a. auf der Frage, wie große Mengen Strom aus Windenergie in die bestehende Netz-Infrastruktur eingespeist werden und wie die NetzKapazität erhöht werden können. Am Rande der Konferenz war es möglich viele informative Gespräche mit den unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Akteuren zu führen und sich über Entwicklungen im Bereich der Erneuerbaren Energien auszutauschen.

 

Anreise:

Dienstag, 15. Juni 2010

 

Der Ablauf der Konferenz:

Mittwoch, 16. Juni 2010

8:00 Uhr: Akkreditierung

9:00 Uhr: Teilnahme am Morning Plenary: Symphony oft he renewables: How wind and the other renewables can work together for a 100 % renewable energy system“ mit Dr. Osman Benchikh (UNESCO), Prof. Dr. Tanay Sidki Uyar (Präsident Eurosolar Türkei), Stefan Gsänger (Generalsekretär WWEA) u.a.

11:00 Uhr: Teilnahme am Workshop „Towards a global feed-in tariff programme“ (mit Stefan Gsänger, Silvia Kreibiehl von der Deutschen Bank, Kai Schlegelmilch vom Bundesumweltministerium u.a.)

14:00 Uhr: Teilnahme an einer Diskussion zum Thema „Wind measurement“ (mit Volker Thomsen, World Wind Energy Association Kanada u.a.)

ab 16:00 Uhr: Gespräche mit Konferenzteilnehmern

 

Donnerstag, 17. Juni 2010

9.30 Uhr: Teilnahme am Morning Plenary: “Wind industry perspectives. What the wind industry can do to enhance wind power integration” mit Prof. Dr. Tanay Sidki Uyar u.a.

ab 11:00 Uhr: Gespräche mit Konferenzteilnehmern

 

Weitere Termine:

Donnerstag 17. Juni 2010:

14:00 Uhr: Gespräch mit dem ständigen Vertreter und Wirtschafts- und Kulturreferent des Generalkonsulats Istanbul Peter von Wesendonk über internationale Energiepolitik

15:30 Uhr: Gespräch mit dem Resident Representative der Friedrich Ebert Stiftung Türkei Michael Meier über Energiepolitik in der Türkei

 

Abreise:

Freitag 18. Juni 2010

 

Bei den Gesprächen und Diskussionen wurden folgende Positionen und Inhalte in den Mittelpunkt gerückt:

  • die Notwendigkeit, dass die Energieversorgung in Zukunft vollständig aus Erneuerbaren Energien erfolgt
  • die Erfahrungen mit dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) in Deutschland
  • die Bedeutung der Idee der Einspeisevergütung auch für andere Länder
  • die Notwendigkeit des weiteren Exports der Idee und der Prinzipien des EEG

Insbesondere während des Workshops „Towards a global feed-in tariff programme“ gab es die Möglichkeit ausführlich über das EEG, als Gesetz das vorwiegend im Deutschen Bundestag entstanden ist, und das Prinzip der Einspeisegesetzgebung zu diskutieren und sich über strategische Zukunftsentscheidungen auszutauschen.

 

In einer nach der Konferenz von der WWEA herausgegebenen Resolution (siehe Anlage) wird u. a. gefordert, dass, gerade im Hinblick auf die aktuellen Geschehnisse im Golf von Mexiko, die Energiewende hin zu einer Versorgung durch Erneuerbaren Energien umgesetzt werden muss. Ausdrücklich begrüßt wird die beginnende Implementation von Einspeisevergütungen in Nordamerika und in Afrika und die Unterstützung der Konferenz durch eine große Anzahl von unterschiedlichen Akteuren

GLOBE International G8+5 Parlamentarierforums zum Klimawandel in Rom – 11. bis 13. Juni 2009

Bericht zur Delegationsreise

der Abgeordneten Marco Bülow, Bärbel Höhn, Michael Kauch und Frank Schwabe

anlässlich des GLOBE International G8+5 Parlamentarierforums zum Klimawandel vom 11. bis 13. Juni 2009 in Rom

Das Parlamentarierforum diente der Vorbereitung der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, die im Dezember 2009 stattfinden wird. Es bot ein Forum zum Dialog zwischen Umweltpolitikern aus den G8-Staaten, China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika sowie dem Europäischen Parlament. Als Gäste waren Abgeordnete aus Bangladesh, Dänemark, Kolumbien und Südkorea sowie Vertreter von Unternehmen und Umweltorganisationen eingeladen. Veranstalter waren die Global Legislators Organisation for a Balanced Environment (GLOBE) sowie der Senat und die Abgeordnetenkammer der Italienischen Republik. Die Delegationsleitung hatte der Abgeordnete Kauch.

Der Ablauf der Konferenz:

Donnerstag, 11. Juni 2009

16.00 Uhr Treffen des Delegationsleiters mit dem Präsidenten von GLOBE International

19.00 Uhr Empfang in der brasilianischen Botschaft

 

Freitag, 12. Juni 2009

9.30 Uhr Delegationsstatements zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen

12.30 Uhr Plenum zu aktuellen Ergebnissen der Klimaforschung

14.30 Uhr Plenum zu Landnutzungsänderungen und Ökosystemen

16.00 Uhr Plenum zu Fragen von Umwelt und Entwicklung

19.30 Uhr Empfang des Senats der Italienischen Republik

 

Samstag, 13. Juni 2009

8.30 Uhr parallele Arbeitsgruppen:

– Klima und Energie (insb. CCS und Klima-Fonds)

– Landnutzungsänderungen und Ökosysteme (insb. REDD)

14.00 Uhr Plenum zu CCS und Finanzierungsfragen

17.30 Uhr Mitgliederversammlung von GLOBE International

19.30 Uhr Empfang von GLOBE International

 

Ein Abschlussdokument der Konferenz (siehe Anlage) wurde im Konsens verhandelt. Es wird den G8-Staats- und Regierungschefs anlässlich des kommenden G8-Gipfels als Positionierung der Abgeordneten aus den G8+5-Staaten zugeleitet.

 

Die deutsche Delegation hat bei den Verhandlungen und Arbeitsgruppen folgende Positionen in den Mittelpunkt gestellt:

  • die Aufnahme der Ausweitung erneuerbarer Energien und der Anstrengungen für Energieeffizienz ins Abschlussdokument
  • die Bereitschaft zu nennenswerten Transfers von den Industrie- in die Entwicklungsländer, eher am oberen Ende der im Abschlussdokument genannten Spannbreite
  • die Notwendigkeit, dass Transfers projekt- bzw. programmbezogen und nicht als reine Finanztransfers an die Regierungen erfolgen sowie die Verpflichtung der Regierungen der Schwellenländer auf mit den Geberländern zu vereinbarende Ziele (hierzu bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede zur Position insbesondere von Indien und China)
  • die Klarstellung, dass der genannte mexikanische Vorschlag nur eine der möglichen Lösungen darstellt
  • der Hinweis, dass die Rechte geistigen Eigentums beim Technologietransfer gewahrt werden müssen.

Hinsichtlich der Interpretation des Commitments zu CCS im Abschlussdokument bestehen innerhalb der deutschen Delegation unterschiedliche Auffassungen.

Die Diskussionen sollen auf einer weiteren G8+5-Parlamentarierkonferenz Ende Oktober in Kopenhagen weitergeführt werden.

 

Reisebericht Indonesien – 08. bis 14. Dezember 2007

Im Dezember 2007 fand auf Bali die Weltklimakonferenz statt. Eine deutsche Parlamentariergruppe begleitete den deutschen Umweltminister bei den Verhandlungen. Vorher reiste eine Delegation des Umweltausschusses des deutschen Bundestages ebenfalls nach Indonesien. Ich begleitete diese Delegation die letzten zwei Tage bei ihrem Besuch auf Borneo und reiste dann zur Klimakonferenz nach Bali.

Weltklima, Wälder, Oran Utans

Borneo: Regenwaldzerstörung und Menschenaffen

Kalimantan heißt der indonesische Teil der großen südostasiatischen Insel Borneo. Indonesien besitzt nach Südamerika das größte Regenwaldgebiet der Welt. Schon aus dem Flugzeug sieht man einen riesigen grünen Waldteppich. Doch wenn das Flugzeug tiefer geht, erkennt man immer deutlicher rötlich braune Wunden im Waldgebiet. Vor der Landung in der Provinzstadt Balikpapan sind aus den Wunden riesige waldfreie Gebiete geworden. Ich erkenne Plantagen, Weideflächen, dampfende Schlote und brachliegende Grasflächen.

Wenn wir über Klimawandel reden, steht in der Regel die Verbrennung fossiler Energieressourcen im Mittelpunkt. In der Tat entsteht dabei der größte Teil der menschlich erzeugten Klimagase. Endlich rückt aber auch die Waldzerstörung stärker in die Diskussion. Zu Recht, denn die Wälder binden riesige Mengen CO2. Wenn mehr Wald stirbt als nachwächst, kann nicht nur weniger CO2 gebunden werden, sondern es gelangen zusätzliche Mengen des Klimakillers in die Atmosphäre. Durchschnittlich wird jede Minute etwa die Fläche eines Fußballfeldes zerstört. Im Jahr verschwindet so eine Waldfläche von der Größe Bayerns. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang der Abholzungsgeschwindigkeit sind die letzten Meldungen wieder sehr beunruhigend. Vor allem der Anstieg des globalen Fleischkonsums führt zu einer Beschleunigung der Waldzerstörung, weil auf den gerodeten Flächen Futterpflanzen für die wachsenden Viehherden angebaut werden. Fast 20 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen stammen derzeit bereits aus Regenwaldrodungen. So ist Indonesien trotz wenig Industrie durch die fortschreitende Waldzerstörung zum Land mit dem drittgrößten Ausstoß von Klimagasen nach den USA und China geworden. In den vergangenen 50 Jahren wurden 45 Prozent der indonesischen Urwälder zerstört. Dadurch wird nicht nur die Erderwärmung beschleunigt, sondern ist auch ein Grossteil der dort heimischen Arten von Tieren und Pflanzen gefährdet.

Vor Ort konnten wir uns von den Waldzerstörungen ein direktes Bild machen. Es ist erschreckend zu sehen, wie sich immer größere Schneisen und baumfreie Flächen in den Wald fressen. Übrig bleibt meist nur das heimische Alang-Alang-Gras. Es besitzt toxische Inhaltsstoffe, die verhindern, dass aus Samen neue Bäume werden oder andere Pflanzen die freien Flächen zurückerobern können. Wer einmal die riesige Vielfalt von Pflanzen und Tieren in einem Regenwald bestaunen konnte, weiß welcher Verlust mit seiner Abholzung verbunden ist. Ein Hektar Regenwald kann 40.000 Arten von Insekten, 750 Arten von Bäumen (in Deutschland gibt es insgesamt 65 heimische Baumarten) und 1.500 Arten von höheren Pflanzen beherbergen. Immer wieder entdeckt man eine neue Pflanze, die man vorher noch nie gesehen hat. Ein Regenwald ist kein Ort der Ruhe, überall umfangen einen die verschiedensten Laute: singende und rufende Vögel, brüllende Affen und die Geräusche anderer Waldtiere. Wer danach eine gerodete Fläche betritt, der fühlt sich nackt und beraubt. Selbst ein wieder aufgeforsteter Wald ist keine Entschädigung – ist seine Artenvielfalt doch stark begrenzt. In Kanada auf Vancouver-Island wirbt die Holzindustrie damit, wie toll sie doch alles wieder aufforstet, welch ein neuer junger gesunder Wald dadurch entsteht. Beim direkten Vergleich in Kanada überkam mich Wut und Enttäuschung aufgrund dieser Heuchelei. Auf Borneo ist es so ähnlich, nur dass hier in der Regel nicht einmal wieder aufgeforstet wird. Hauptverlierer sind Tiere wie die stark gefährdeten Orang-Utans. Die Menschenaffen bleiben ihren angestammten Gebieten treu. Wenn sie dem Menschen bei der Rodung im Wege sind, werden sie vertrieben oder gar erschossen. Die Jungtiere werden versklavt und verkauft. Wir hatten das Glück direkt mit der weltweit größten Primatenschutzorganisation BOS (Borneo Oranutan Survival) zusammenzukommen und ihre Projekte zu besuchen. BOS kümmert sich um die Menschenaffen. Aber nicht nur das, sie haben unter Anleitung des charismatischen Willi Smitts ein großes Stück abgeholztes Land gekauft und es in wenigen Jahren wiederaufgeforstet. Auch Malayenbären und viele andere Tiere finden dort eine neue Heimat.

Besonders tragisch für das Klima ist die Abholzung dort, wo unter dem Waldboden eine große Torfbodenschicht entstanden ist. In Indonesien gibt es Torfregenwald auf einer Fläche (22 Millionen Hektar), die mehr als dreimal so groß ist wie das Bundesland Bayern. Im Durchschnitt hat der Torf eine Mächtigkeit von sieben Metern. Ein Hektar dieses Urwaldes speichert bis zu 4.000 Tonnen reinen Kohlenstoff. Das ist pro Hektar dreißig mal soviel, wie in einem deutschen Wald gespeichert ist. Wenn dieser Wald gerodet würde, hätte dies für das Klima fatale Folgen.

Die Ursachen für die Regenwaldzerstörung sind vielfältig. Sie reichen von der Brandrodung für die Landwirtschaft, über den Kahlschlag der Holzindustrie, bis hin zur Abholzung für Kohleabbau und Plantagennutzung. Immer stärker spielt dabei die Herstellung von Palmöl eine Rolle. In Indonesien entstanden bisher auf fünf Prozent der Waldfläche Plantagen für die Zellstoff- oder Palmölproduktion. Anhand von Satellitenbildern und neuen Karten kann man sehen, dass genug Flächen außerhalb der Waldgebiete für Palmölplantagen zur Verfügung ständen. Doch die meisten Firmen wollen doppelt abkassieren und vor allem über die Genehmigung der Plantagen an das Holz kommen. Palmöl wird bisher hauptsächlich für die Erzeugung von Lebensmitteln und Kosmetik gewonnen. Nun kommt der Einsatz als Treibstoff hinzu. Der Durchschnittsertrag einer Plantage mit erntereifen Ölpalmen in Indonesien beträgt 3,6 Tonnen pro Hektar und Jahr. Er ist damit zehnmal so hoch wie der Ölertrag von Sojabohnen und sechsmal so hoch wie der von Raps. Der Druck, Ölpalmen anzubauen, wird also immer größer.

Ökologisch betrachtet ist diese Entwicklung ein gefährlicher Irrweg. Auf der einen Seite wollen und müssen wir den Anteil der alternativen Kraftstoffe ausweiten. Das Erdöl wird immer knapper und teurer und die Verbrennung belastet unser Klima. Auf der anderen Seite dürfen wir keine Anreize schaffen, dass für Palmöl Regenwald abgeholzt wird und in einigen Regionen auch eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion entsteht. Dies ist ein Balanceakt, der am Ende mehr Verlierer als Gewinner haben könnte. Es ist schwierig, aber wohl der einzig zu rechtfertigende Weg, den Anbau von Palmöl und anderen Ölpflanzen nur dort zu gestatten, wo er keine Wälder zerstört. Dazu müssen aber viele Fragen geklärt werden. Fragen, wie:

  • Wie bekommen wir die Länder dazu, nachhaltige Kriterien für den Ölpflanzenanbau einzuführen?
  • Wer kontrolliert, wo angebaut werden darf? – Wer übernimmt die Kosten für die entstehenden Ausfälle des Holzeinschlags?
  • Wie kann man den illegalen Holzeinschlag unterbinden?
  • Wer entschädigt die arme Landbevölkerung, deren Existenz von der Brandrodung abhängt?

Klar ist, dass ohne einen finanziellen Anreiz zur Walderhaltung weiter gerodet wird. Eine Zertifizierung für den Anbau von Ölpflanzen ist dringend erforderlich. Es gibt in der Diskussion kein schwarz und weiß. Viele, die jetzt die Palmölplantage lautstark verteufeln, waren und sind bei den unglaublichen Natur- und Waldzerstörungen durch die Erschließung und Förderung von Erdöl und Braunkohle sehr still. Auch, dass der Großteil des Palmöls immer noch in unserem Salat und für andere Lebensmittel verwendet wird, wird von kaum jemandem kritisiert. Wir, die Politiker, sind nun gefordert, möglichst ausgewogen eine Lösung zu finden. Dies wird hier direkt am Ort „des Geschehens“ deutlicher als bei der Lektüre von Buchstabenwüsten in Berichten und Anträgen.

 

Bali – Kampf um Kühlung und Fußnoten

Hoffnung für die Wälder gibt es durch ein konkretes Ergebnis der Konferenz von Bali. „Forest Carbon Partnership“ ist ein Fond, in den Gelder aus dem Emissionshandel der Industrieländer fließen. Daraus werden Walderhaltung und Wiederaufforstung in Entwicklungsländern finanziert. Aus Indonesien, Ecuador und anderen Ländern gibt es bereits Angebote, dass sie ihren Wäldern die Motorsäge ersparen, wenn sie dafür entschädigt werden. Die Industrienationen, die ihre Urwälder fast vollständig vernichtet haben, werden nicht umhinkommen, sich auch finanziell am Schutz der verbliebenen Urwälder der Welt zu beteiligen. Bisher fließt das Geld aber nur spärlich. Zudem möchten die Geldgeber die Gewährleistung dafür haben, dass der Schutz auch wirklich sichergestellt wird und die Gelder nicht versickern. Dies kann aber kaum garantiert werden. Es mangelt bisher an Überprüfungsmechanismen. Aber immerhin war die Einsetzung des Fonds die erste gute Botschaft, als wir von Borneo nach Bali gelangten. Auf einer Pressekonferenz präsentierten die Minister Wiecorek-Zeul und Gabriel diesen Fortschritt.

Nusa Dua heißt der künstliche Ort, an dem ein Luxushotel ans andere gereiht ist und in dem die Konferenz stattfindet. Tausende Diplomaten, Politiker, Journalisten und NGO-Vertreter tummeln sich hier zwischen Konferenzzentrum und Hotels, in denen Nebenveranstaltungen und Gesprächsrunden stattfinden. Auch wir hecheln, schwitzend bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, von Gespräch, über Vortrag, zu Delegationstreffen. Von Bali bekamen wir so gut wie nichts mit. Obwohl wir von Borneo keine weite Anreise hatten, spielten die Tage auf der Konferenz in einer anderen Welt. Jeder führte hier seinen ganz privaten Kampf gegen die schwüle Hitze. Über das Vorgehen beim gemeinsamen Kampf gegen die Erderwärmung musste immer noch hart gerungen werden.

Umweltminister Sigmar Gabriel und die Deutschen kämpften darum, im Abschlussdokument einen Zielpassus hineinzubekommen, der aufzeigt, dass die Treibhausemissionen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 zurückgeführt werden müssen. Das ist der Wert, den der IPCC für den UNKlimabericht von 2007 errechnet hat, damit die Erwärmung nicht über 2 Grad Celsius klettert. Eine durchschnittliche Temperaturerhöhung um bis zu 2 Grad würde schon deutliche Auswirkungen nach sich ziehen, doch scheinen sich diese noch in den Griff bekommen zu lassen.

Die Europäer traten recht geschlossen auf. Die Unterhändler der USA, Kanadas, aber auch aus China, Saudi Arabien und anderen Ländern machten dagegen schnell deutlich, das sie diese konkreten Ziele nicht unterschreiben werden. Am Ende eines emotionalen Verhandlungsmarathons gab es in einer Fußnote des Abschlussdokuments einen Verweis auf diese Ziele, die einen großen Interpretationsspielraum zulassen. Das ist dann wohl der berühmte Kompromiss, der zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben ist.

Auf dieser Konferenz war nicht mehr zu holen. Ich muss immer wieder schlucken, wenn ich daran denke, dass ein paar wenige Länder den notwendigen Fortschritt einfach so blockieren können. Dennoch ist die internationale Diskussion vorangekommen. Es ist noch nicht lange her – übrigens auch in Deutschland –, da wurde der Klimawandel insgesamt in Frage gestellt und im großen Stil geleugnet, dass der Mensch für die Erwärmung verantwortlich ist. Diese Ignoranz legte selbst die USRegierung auf Bali nicht mehr an den Tag. Es ist endlich Konsens, dass wir Menschen den Klimawandel verursachen und dass wir etwas unternehmen müssen. Doch damit endet die Gemeinsamkeit dann auch. Wir haben nur wenig Zeit, um mit deutlichen Maßnahmen die globale Erwärmung zumindest noch so weit zu bremsen, dass wir die Folgen beherrschen können und die angerichteten Schäden erträglich bleiben.

Einen Tag vor der Abreise hatte ich die Gelegenheit den Konferenzort einmal hinter mir zu lassen und doch noch einen kleinen Eindruck von Bali zu bekommen. Ich konnte die Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul begleiten, als sie nicht allzu weit von Nusa Dua gemeinsam mit nationalen und regionalen Politikern eine MikroBiogasanlage in Betrieb setzte. In einer solchen Anlage wird aus Kuhdung Gas gewonnen. Es ist ein sehr gutes Entwicklungshilfeprojekt, weil es nicht nur Treibhausgase einspart, sondern auch den Kleinbauern hilft. Einige Rinder reichen aus, um mit der kleinen Biogasanlage genügend Energie für die Kochherde der umliegenden Landwirte und ihren Familien bereitzustellen. Diese sparen damit Geld für teures Gas ein. Zudem sorgen die Anlagen dafür, dass die Exkremente schnell entsorgt werden und in der schwül warmen Atmosphäre nicht zu einem Krankheitsherd werden. Wieder einmal war ich beeindruckt, wie freundlich alle Menschen hier sind. Selbst Polizisten und Soldaten haben hier häufig ein Lächeln auf den Lippen und wirken so weniger bedrohlich. Die Eröffnung und die vielen Reden wirkten deshalb wahrscheinlich auch weniger steif und bürokratisch als bei uns.

Zwei Höhepunkte erlebte ich noch am Ende des Aufenthalts auf Bali. Der erste ist natürlich die mit Spannung erwartete Rede von Al Gore. Am späten Nachmittag hatten wir uns zu dritt auf den Weg gemacht und noch Plätze mit gutem Blick in einem der großen Konferenzräume ergattert. Als der ehemalige Vizepräsident erschien, platzt der Saal aus allen Nähten. Mit standing ovations begrüßte eine jubelnde Menge gleich zwei Nobelpreisträger. Neben Al Gore hatte auch das IPCC diesen Preis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten. Ihr Vorsitzender, der Klimawissenschaftler Rajendra Pachauri, betrat gemeinsam mit Al Gore die Tribüne. Nach dem typischen Anfangsgeplänkel geriet Al Gore richtig in Fahrt. Er motiviert, spricht Mut zu und verurteilt seine eigene Regierung. Kaum zu glauben, dass dieser Mann die Wahl gegen Bush auch deshalb nicht gewonnen hat, weil er zu hölzern, zu nüchtern wirkte und die Menschen nicht genügend erreichen konnte. Hier jedenfalls kam seine Botschaft an. Am Flughafen bekamen mein Kollege Frank Schwabe und ich dann sogar noch die Gelegenheit mit dem zweiten Nobelpreisträger Pachauri ein kurzes Gespräch zu führen.

Zu Hause gelandet brauche ich erst einmal einige Tage, um die Reise zu verdauen. So nach und nach wird mir klar, wie wichtig es ist, die Erkenntnisse der Reise auszuwerten und aufzubereiten. Vor allem unsere Eindrücke vom Regenwald müssen wir den Menschen weitergeben. Die letzten Urwälder brauchen jetzt unseren Schutz und wir müssen alles dafür tun, um diese Naturparadiese nicht nur wegen des Klimas für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.