Neuer Lesetipp September/Oktober 2011: Peter Strege – Grün verrohrt

Meine besondere Empfehlung für den Herbst: Peter Strege: „Grün verrohrt“ (Druckverlag Kettler, Gebundenes Kunstbuch, 2011). Der Künstler Peter Strege lebt in Dortmund-Deusen. Er malt, gestaltet und schreibt. Er mischt sich ein – politisch, sozial, durch Wort, Tat und Kunst. Seine neueste Schöpfung hat der Kettler Verlag in einem schön gestalteten Großformat veröffentlicht.

Die Sonderausgabe „Grün verrohrt“ ist eine Hommage an die Menschen und die Natur im Ruhrgebiet, versinnbildlicht an der Emscher. Ein Flüsschen, das bei Holzwickede durch mehrere kleine Rinnsale gespeist wird und dann nach 80 Kilometern durch Dortmund, Castrop, Herne, Oberhausen in den Rhein mündet. Durch die dichte Besiedlung, die Versumpfung und Bodensenkungen durch den Bergbau, wurde die Emscher zur Kloake des Ruhrgebiets. „Verrohrt“ oder begradigt in einer asphaltierten Rinne floss die Emscher fortan als Abwasser durch die Landschaft. Doch nun folgt die Auferstehung, die Renaturierung. Die wahre Emscher kehrt zurück, zeigt uns und unseren Kindern, wie Flüsse eigentlich fließen – naturnah, mäandernd, ein Segen für die Natur und uns Menschen im Revier.

Be aller neu entdeckten Freude, symbolisieren die Veränderungen der Emscher auch den Strukturwandel des Ruhrgebiets insgesamt. Eine Entwicklung voller Entbehrungen, Ängste, aber mit Licht am Ende des Tunnels. Wer könnte diese Geschichte besser verdeutlichen als ein Künstler, der die Natur und Menschen hier kennt. Peter Strege ist ein exakter Beobachter und mindestens ebenso guter Darsteller. Seine Kunst ist der Zusammenfluss von Bildern, Fotos und Texten. „Grün verrohrt“ ist kein Buch, das man sich vornimmt und dann durchliest wie einen Roman. Nein, es ist eine Entdeckungsreise, ein Ausflug, den man in gemütlichen Stunden durchstöbert. Man verweilt bei einem Bild, liest eine Passage und verliert sich in Gedanken. Vielleicht erinnert man sich an seine eigenen Emscher-Erlebnisse. Oder man zeigt die Bilder seinen Kindern, seinen Freunden, liest vor und reicht das Buch weiter. Nicht schlecht, wenn daraus ein Besuch bei der sich renaturierenden Emscher resultiert und die direkte Erfahrung mit dem Fluss die Eindrücke des Buches ergänzen.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Besuch der Emscher auch im Sinne des Autors wäre, der am Ende hier das letzte Wort haben soll. Er schreibt:

„Und nun schleicht sich Natur mit allen ihren unberechenbaren URSPRÜNGLICHKEITEN an die Stelle der offenen Rohre und verwuchert schneller als aus dem Frühling ein Sommer wird. (…) Nun, da die Kanäle gegraben und die Bergwerksgebäude in der Erde voll Wasser gelaufen sind, nachdem also das >schwarze Gold< wieder heimisch schlummert und über´s Meer von fern anreist, beginnen wir mit der Erfindung dessen, was wir verloren zu haben glauben. Re-Natur-Ierung.“