Reise des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag nach Tansania – 05. bis 11. Mai 2013

Entwicklung des Landes – an den Menschen vorbei?

Gemeinsamer Bericht der Abgeordneten Marco Bülow, Josef Göppel, Dorothea Steiner, Sabine Stüber

 

Reisebericht Tansania als PDF mit Bildern

 

Die Themen der Reise

Am Tag der Ankunft in Dar es Salaam sprang uns die Balkenüberschrift der Zeitung „THE AFRICAN“ entgegen: „Tansanisches Land billig an Fremde verkauft“. Ein Hektar wird danach an ausländische Investoren für 88.000 tansanische Schillinge abgegeben. Das entspricht 44 Euro. Ländliche Entwicklung als Rohstoffbasis für Saudi Arabien und China? Uns fällt beim Blick in diese Zeitung sofort Brandenburg ein, wo internationale Kapitalgesellschaften ebenfalls Land aufkaufen, um Agrarrohstoffe für den Weltmarkt zu erzeugen. „Landgrabbing“, das Zusammengrabschen von Land nennt man diesen Vorgang. Wir wollten der Frage nachgehen, was die einheimische Bevölkerung davon hat.

Gleichzeitig wird der mit dem Tourismus verbundene Wasserverbrauch zu einem immer größeren Problem. Wie diese Herausforderung zu lösen wäre, das wollten wir an den Brennpunkten des internationalen Tourismus in Tansania sehen.

Im Konflikt mit dem Tourismus geht es auch um die Landrechte der angestammten Bevölkerung. Tansania hat 21 % seiner Landfläche als Naturgebiete ausgewiesen. Der Tourismus ist nach dem Goldbergbau der zweitgrößte Devisenbringer des Landes. Lassen sich die alten, lokal angepassten Wirtschaftsformen damit verbinden? Seit 1959 gibt es im Ngorongoro-Schutzgebiet an der Grenze zu Kenia genau diesen Versuch: Das Vieh der Massai darf zwischen den Wildtieren grasen. Wie steht es aktuell um die Vereinbarkeit von traditioneller Nutzung mit dem Wildtierschutz?

 

Große Probleme beim Trinkwasser und bei der Abwasserentsorgung

Die Bevölkerung Tansanias wächst kontinuierlich. Das stellt die Versorgung mit Trinkwasser und die Abwasserentsorgung vor nicht endende Probleme. Insbesondere die Trinkwasserversorgung zeigt eine gespaltene Situation: Mehr als die Hälfte der Menschen insbesondere in ländlichen Gebieten hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das ist die Basis für verbreitete wasserinduzierte Krankheiten wie z.B. Cholera. Seit 2007 gibt es ein nationales Wasserprogramm, in dem die tansanische Regierung und internationale Geber Wasserprojekte mit direkter Budgethilfe über den Staatshaushalt finanzieren. Die Bundesrepublik fördert darüber hinaus bilaterale Projekte im Wassersektor. Tansania hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: bis 2015 sollen 65% der Landbevölkerung mit sauberem Wasser versorgt werden. Seit Beginn dieses Programms sind Erfolge sichtbar: 2,4 Mio. Menschen auf dem Land und 1,8 Mio. in den Städten haben seit 2007 Zugang zu einer Trinkwasserversorgung erhalten. Es zeigt sich jedoch, dass die tatsächlichen Verbesserungen weit hinter den angestrebten Zielen zurückbleiben, unter anderem, weil das Bevölkerungswachstum den Ausbau der Versorgungssysteme konterkariert. Selbst in Dar Es Salaam gibt es regelmäßig Unterbrechungen der Wasserversorgung, die irgendwie aufgefangen werden müssen. Für manche Viertel bedeutet das, dass dann eben Wasser in Kanistern gekauft werden muss.

Wir haben festgestellt, dass in den Regionen, in denen der Tourismus ein wichtiger Faktor ist, wie im Ngorongoro Gebiet, beschränkte Wasserressourcen von Lodges und Hotels intensiv genutzt werden, während die eigentlichen Bewohner sprichwörtlich auf dem Trockenen sitzen. Als wichtiges Instrument haben sich hier simple Wasserzähler und die Einführung einer Wassernutzungsgebühr für die Hotels erwiesen, die den sparsamen Umgang mit Wasser befördern. Das berichten jedenfalls die Maasai am Ngorongoro Krater.

Ein ebenso großes Problem wie die Trinkwasserversorgung ist die Belastung durch ungeklärte Abwässer, vor allem in den Städten. Als Dar Es Salaam um 2010 seine Abwasserentsorgung der erwarteten Bevölkerungszahl angepasst hatte, war diese erneut überproportional gestiegen und die Klärung und Ableitung der Abwässer war für Stadtviertel oder einzelne Einrichtungen nicht mehr wirksam möglich. Die gesundheitlichen Folgen sind leicht vorstellbar. In dieser Situation wächst die Bedeutung von innovativen dezentralen Projekten, gefördert durch Selbsthilfe einzelner Einrichtungen und Initiativen und durch Geberländer. Unsere Delegation hat am Rand von Dar Es Salaam ein Hospital von CCBRT (eine NGO im Gesundheitsbereich) besucht. Dort wurde mit Unterstützung der Bremer non-Profit Organisation Borda auf dem Gelände eine Abwasserkläranlage eingerichtet. Dort wird als erstes das entstehende Methan 3 zur Energieerzeugung abgezogen, anschließend werden über anaerobe Filter und eine Pflanzenklärung die Schadstoffe herausgefiltert und das geklärte Wasser kann wieder verwendet werden – außer für sterile Verwendungen. Hervorragende Wirkung mit relativ geringen Mitteln! Die Vermittlung des entsprechenden Knowhow und die Schulung von Technikern eröffnet ein großes Potenzial für dezentrale Problemlösungen und für qualifizierte Unterstützung. Wir wünschen diesem und ähnlichen Projekten im Wasserbereich eine große Beachtung und auch Förderung.

 

Der Massai Konflikt

8.000 Quadratkilometer umfasst die Ngorongoro Conservation Area westlich vom Kilimanjaro. 60.000 Massai leben darin in 25 Dörfern. Es ist das einzige Schutzgebiet Tansanias, aus dem die ursprüngliche Bevölkerung nicht umgesiedelt wurde. Die Regierung hat nun Angst, dass die Zahl der Massai immer mehr zunimmt und das Gebiet für den Tourismus uninteressant macht.

Wir suchen zunächst das Gespräch mit der Schutzgebietsverwaltung und erleben dort einen offenbar völlig überforderten Conservator. Er soll das Verbot des Feldfruchtanbaus am Rand der Dörfer durchsetzen. Der Rat der Massai wendet dagegen ein, dass die Ernährung der Bauernfamilien ohne Mais, Bohnen und Gemüse nicht möglich ist. Angesichts der kümmerlichen Felder um die Rundhüttendörfer wirkt der Vorwurf, hier würden inmitten des Schutzgebiets Produkte für den Weltmarkt erzeugt, geradezu lächerlich. In der Massaisteppe ist Wanderweide die einzig mögliche Form der Landnutzung. Regelmäßigen Ackerbau machen die extrem schwankenden Regenfälle unmöglich.

Wir fahren in das 3000 m hoch gelegene Dorf Nainokanoka. Das bedeutet in Suaheli „Nebeldorf“. Selbst der Name des Gebietes Ngorongoro stütze das Daseinsrecht der Massai, sagen sie, denn das sei die Wiedergabe des schon immer hier vorhandenen Klanges der Kuhglocken. Wir treffen dort auf ärmliche Menschen mit Zeichen der Mangelernährung, Augenleiden und Zahnschäden. Die Romantik der Viehhirten mit ihren leuchtend bunten Gewändern täuscht. An den Erträgen des Tourismus haben diese Menschen keinen Anteil. Sie spüren im Gegenteil die Auswirkungen des steigenden Wasserverbrauchs der Hotels im Schutzgebiet, die mit höchstem Komfort locken und einen Großteil des Quellwassers abschöpfen. Erst vor kurzem führte man überhaupt Wasserzähler für sie ein. Im benachbarten Kenia scheint die Stellung der einheimischen Bevölkerung stärker zu werden. Dort müssen jetzt 75% der Schutzgebietsmitarbeiter aus der unmittelbaren Umgebung stammen und 60% der Parkeinnahmen an die lokalen Gemeinden fließen.

Gegen die Massai im Ngorongoro Schutzgebiet werden immer wieder auch ökologische Vorwürfe erhoben. Ihre Viehherden würden eine staubige Halbwüste hinterlassen. Bei der Fahrt durch das Schutzgebiet achteten wir deshalb besonders auf den Zustand der Grasnarbe und des Bodens. Wir konnten keine Zeichen der Übernutzung erkennen, auch keine Trittschäden an den Hängen. Uns fiel vielmehr auf, dass die Wildtierherden mehr an bevorzugten Plätzen verweilen, als die von den Massaihirten ständig in Bewegung gehaltenen Nutztiere.

Dr.Eliamani Laltaika, der uns durch den Ngorongoro Krater in sein Heimatdorf Nainokanoka begleitet hat, erklärte uns die Situation der Maasai im Schutzgebiet und die Auswirkung der Forderungen, die die Schutzbehörde (NCAA) an die Maasai in den Dörfern stellt, aus seiner Sicht:

„Das Hauptproblem ist eine schlechte Regierungsführung. Wir Maasai glauben, dass die Ngorongoro Conservation Area Authoritiy (NCAA) und die Regierung von Tansania im Allgemeinen unfair uns gegenüber sind. Ihr Hauptanliegen ist es, Geld mit unserem Land durch den Tourismus ohne Rücksicht auf unsere Rechte als menschliche Wesen zu machen. Dadurch sind folgende Herausforderungen entstanden, der wir uns sehr schnell annehmen müssen:

1) Hunger: Die Ngorongoro Behörde sagt, dass wir die Umwelt zerstören, in dem wir kleine Betriebe (Bustani – in Swahili) zum Eigenbedarf unterhalten. Sie haben die Landwirtschaft im Jahr 2008 verboten. Keine Alternative. Frauen und Kinder leiden besonders und mindestens 10 Menschen sind in den letzten beiden Jahren an Hunger gestorben.

2) Die Zerstörung der Umwelt: aus Mangel an Alternativen haben einige Dörfer entschieden, Tiere zu töten, um sie zu essen. Auch Holz wird verkauft. Das hat die Natur der Region mehr als in jeder anderen Periode in der Geschichte zerstört.

3) Mangelnde Einbeziehung in lokale Gemeinschaften: Der NCA wird hauptsächlich durch zwei Organe vertreten: Der Vorstand, dessen Vorsitzender vom Präsidenten ernannt wird und anderen Mitgliedern des Ministeriums für Tourismus und Natürliche Ressourcen. Im Vorstand ist von 13 Mitgliedern momentan nur ein Maasai vertreten. Auch der Abgeordnete Herr Ole Telele ist kein Mitglied dieses Gremiums. Dieses Management-Team trifft von Tag zu Tag Entscheidungen für diese Gegend und hat nicht auch nur einen einzigen Maasai vertreten. Letztendlich spüren diese Führungskräfte nicht den Schmerz der Massai.

4) Unterschiedliche Wahrnehmung: Wir Maasai haben das Gefühl, dass wir unser Land schützen und dies seit vielen Jahren. Die Regierung und andere Behörden meinen, dass wir uns bewegen und „Erhaltung“ ermöglichen müssen. Welche Art von Erhaltung? “

Uns scheint es dringend erforderlich, dass die Fachleute der UNESCO und der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft in ihre regelmäßigen Berichte über das Gebiet auch direkte Stellungnahmen des Rates der Massai aufnehmen. So ist beispielsweise der Vorschlag des staatlichen Conservators, die Bauern sollten auf eine leistungsfähigere Rinderrasse umstellen, Die Idylle der naturnahen Menschen in leuchtenden Gewändern täuscht. Mangelernährung, Zahnschäden und Augenleiden sind weit verbreitet.  die ihnen mehr Fleisch- und Milchertrag bringe, ökologisch höchst fragwürdig. Schwerere Tiere würden mehr Trittschäden erzeugen und den Trockenphasen weniger standhalten.

Die Vertreter der Massai beklagen eine sichtliche Ignoranz vieler staatlicher Stellen gegenüber ihrer halbnomadischen Lebensweise. Gleichzeitig werde im Tourismus mit ihnen geworben. Wir glauben, dass man diese Position ernst nehme sollte. Rund eine Million Massai reichen in dem 45 Millionen Staat für befriedende politische Entscheidungen offenbar nicht aus. Auf der anderen Seite muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Zahl der Massai und ihrer Tiere im Nationalpark beständig zugenommen hat.

 

Welterbe Ngorongoro Krater

Beim Blick in den Ngorongoro Krater ergreift uns trotz der aktuellen Nutzungskonflikte Hochachtung vor der Leistung der tansanischen Regierung, diese großartigen Naturschönheiten des Landes für die gesamte Menschheit zu bewahren. Wir sehen ein riesiges Rund mit 25 Kilometer im Durchmesser, 600 Meter tief fällt der steile Kraterrand ab. Am meisten beeindruckt uns das weiche türkisfarbene Licht, das auf blühende Matten, blinkende Gewässer und grasende Tierherden fällt. Kein Wunder, dass in den Reiseführern immer wieder die Begriffe überirdisch, friedlich und Garten Eden auftauchen.

 

Landausverkauf

Der Anpachtung großer Landflächen durch ausländische Kapitalgesellschaften widmen wir einen ganzen Tag. Ein typisches Beispiel finden wir im Distrikt Kisarawe südwestlich der Hauptstadt Dar es Salaam. In den Dörfern Marumbo und Mhaga tauchten 2006 Abgesandte des internationalen Konzerns Sun Biofuels auf. Sie warben in den Dorfräten dafür, das Gemeindeland der Investorenfirma für den Anbau von Jatropha-Nüssen zu übergeben. Damit würden umweltverträglich Biokraftstoffe erzeugt. Die Bevölkerung der Dörfer würde im Gegenzug eine finanzielle Entschädigung von umgerechnet 42 Euro pro Hektar bekommen. Die Bauern der Dörfer könnten die Jatrophabäume anpflanzen und die Nüsse dann regelmäßig an den Konzern verkaufen. Darüber hinaus würde Sun Biofuels Geld für die Schule bereitstellen, Medikamente an die Sozialstation liefern, allen Gemeindeteilen einen Trinkwasseranschluss beschaffen, neue landwirtschaftliche Geräte zur Verfügung stellen und in den Bau der Ortsstraßen investieren. Schließlich könnten über den Vertragsanbau hinaus viele gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen.

2007 kam es zu einer gemeinsamen Sitzung der Dorfräte von 11 Gemeinden. Die Verpachtung des Gemeindelandes auf 99 Jahre (!) an die Gesellschaft Sun Biofuels wurde unter dem Zuspruch des örtlichen Parlamentsabgeordneten und der Distriktsverwaltung einhellig beschlossen. Bis heute gibt es darüber keinen notariellen Vertrag, sondern nur das Sitzungsprotokoll der Dorfräte. Die Vertreter von Sun Biofuels wollten eigentlich die gesamte Gemeindefläche der 11 Dörfer mit 19.000 Hektar Land pachten. Von der staatlichen Verwaltung erhielten Sie dann aber nur eine Genehmigung für 9.000 Hektar.

2008 begann dann die Rodung der Flächen für den Jathrophaanbau. Das Gebiet um Marumbo und Mhaga ist relativ ebenes Land. Die Gemeindeflächen waren mit Buschwerk und niedrigen Bäumen bestanden. Bis dahin dienten sie zur Brennholzgewinnung. Außerdem hatten viele Dorfbewohner dort Obstbäume angepflanzt, deren Früchte sie selbst verzehrten oder auf Straßenmärkten verkauften. Jetzt rückten auswärtige Arbeiter an, die den Bewuchs rodeten und anschließend verbrannten. Geländeunebenheiten wurden mit Planierraupen ausgeglichen. Dabei kamen auch siebenhundert einheimische Männer als Saisonarbeitskräfte zum Einsatz. Ihr Lohn betrug anfangs 2,30 Euro pro Tag, später dann um die 50 Euro pro Monat. Die Dorfgemeinschaft erhielt in der Zeit der Anlage der Plantage von den versprochenen 42 Euro pro Hektar eine Summe von 16 Euro pro ha ausgezahlt.

Bis 2011 war etwa ein Drittel der 9.000 ha mit Jatrophabäumen bepflanzt. Dann kam das Projekt ins Stocken. Die Saisonarbeiter wurden entlassen. Es kam zu keinen weiteren Anpflanzungen. An den Toren zogen allerdings Wachposten auf. Die Dorfbewohner dürfen das gesamte Land nicht mehr betreten. Selbst die reifen Jatrophanüsse wurden bisher nicht geerntet. Vor Ort munkelt man über eine Insolvenz von Sun Biofuels und den Übergang an eine andere Firma namens Thirty Degree Temperature. Auf jeden Fall flossen seither keinerlei Zahlungen mehr. Den Zorn und die Enttäuschung der Dorfbewohner kann man sich vorstellen. Sie bildeten eine Interessengemeinschaft, zu deren Vorsitzenden Ibrahim Mohad aus Marumbo gewählt wurde. Seit zwei Jahren bemüht sich diese Interessenvertretung nun um die Einhaltung der Versprechungen oder um die Rückgabe des Landes – ohne Erfolg.

Seltsam berührt war die Deutsche Reisedelegation vom Verhalten der Distriktkommissarin in Kisarawe. Bei unserem Höflichkeitsbesuch behauptet sie geradeheraus, dass es keine Landverpachtungen an ausländische Investoren in ihrem Amtsbereich gebe! Unterstützt werden die betrogenen Dorfbewohner nur von Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam und der Tanzania Women Lawyers Association (TAWLA).

Bei einem Gespräch mit dem Amtsleiter des tansanischen Ministerpräsidentenbüros, Herrn Bede Lyimo, erklärte er, das Ziel der tansanischen Landpolitik sei eine nachhaltige Landnutzung und die nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen. Vorrangig sei jedoch, die Nahrungsmittelsicherheit für die Bevölkerung zu gewährleisten, was eine Grundversorgung mit Reis, Mais und Zucker verlange. Bei Projekten mit ausländischen Investoren würde er 25 000 Hektar pro Projekt für zulässig erachten, nicht aber Größenordnungen von 200 000 Hektar, wie von Investoren angefragt. Tansania habe kein Problem mit fruchtbarem Land, davon gäbe es 44 Mio. Hektar. Die Konflikte resultierten auch daraus, dass zum Teil keine Landtitel existierten und Viehbauern ebenso wie Kleinbauern das „öffentliche Land“ beanspruchten (village land). Diese Konflikte seien auch ein Erbe der Regelungen aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft. Zu dieser Zeit wurden Besitztitel eben nicht klar geregelt, sondern auf die traditionelle Nutzung verwiesen. Die in Tansania arbeitenden Stiftungen haben uns bei den Gesprächen auch darauf hingewiesen, dass Tansania wohl eine fortschrittliche Gesetzgebung hat, es aber große Probleme bei der Umsetzung gäbe. Das war auch unser Eindruck.

 

Elektrizität für Tansania

Bei einem Empfang der EU-Vertretung während der Besuchswoche sagte der Tansanische Energieminister Sospeter Muhongo der Deutschen Parlamentarierdelegation spontan einen Gesprächstermin zu. Muhongo ist Geologe und hat sein Studium in Deutschland absolviert. Über eine Stunde diskutieren wir die existenziellen Energieprobleme Tansanias und Entwicklungschancen durch erneuerbare Energien. Nur 21% der 45 Millionen Einwohner Tansanias haben zur Zeit Zugang zu elektrischem Strom, in den ländlichen Regionen sind es nur 7%. In den vorhandenen elektrischen Einrichtungen tritt ein Verlust von durchschnittlich 20% auf.

Viele Hoffnungen richten sich nun auf die Erdgasvorräte im Indischen Ozean bei der Insel Songosongo. Eine neue Pipeline zur Vier-Millionenstadt Dar es Salaam soll dort neue Gaskraftwerke ermöglichen. An zweiter Stelle sieht Muhongo die Nutzung der Tansanischen Kohlevorräte. Er verweist darauf, dass der Klimagas-Ausstoß Tansanias mit 0,2 Tonnen pro Kopf nur den 40sten Teil des Durchschnitts in Europa ausmacht.

Die Hoffnungen auf Strom aus Wasserkraft haben sich zerschlagen. Fünf Staudämme habe Tansania, doch sie seien fast immer trocken. So bleiben die anderen erneuerbaren Energien Solar, Wind, Geothermie und Biomasse. Minister Muhongo setzt eindeutig auf Solar und Windkraft, weil diese autonom und dezentral eingesetzt werden können. Die Hinweise aus der Deutschen Delegation auf die Wertschöpfung und Entwicklungschancen in ländlichen Räumen durch erneuerbare Energien fanden im Beraterstab Muhongos lebhafte Aufmerksamkeit. Auf Nachfrage erklärte sich Minister Muhongo sofort bereit, dem vom deutschen Umweltminister Peter Altmaier initiierten Netzwerk der Energiewende-Länder beizutreten. Das soll in einem Briefaustausch noch vor der deutschen Bundestagswahl besiegelt werden. Die Parlamentarierdelegation sagte umgekehrt zu, sich für ein Schwerpunktprogramm zum Aufbau dezentraler Solar- und Windkraftwerke in Tansania einzusetzen. Muhongo, der sich bis in technische Einzelheiten bestens informiert zeigte, hält die deutsche Technik bei Solar- und Windkraft für die Nummer Eins auf der Erde. Für ein Land wie Tansania sei die Zuverlässigkeit der Anlagen das entscheidende Kriterium.