Reisebericht Indonesien – 08. bis 14. Dezember 2007

Im Dezember 2007 fand auf Bali die Weltklimakonferenz statt. Eine deutsche Parlamentariergruppe begleitete den deutschen Umweltminister bei den Verhandlungen. Vorher reiste eine Delegation des Umweltausschusses des deutschen Bundestages ebenfalls nach Indonesien. Ich begleitete diese Delegation die letzten zwei Tage bei ihrem Besuch auf Borneo und reiste dann zur Klimakonferenz nach Bali.

Weltklima, Wälder, Oran Utans

Borneo: Regenwaldzerstörung und Menschenaffen

Kalimantan heißt der indonesische Teil der großen südostasiatischen Insel Borneo. Indonesien besitzt nach Südamerika das größte Regenwaldgebiet der Welt. Schon aus dem Flugzeug sieht man einen riesigen grünen Waldteppich. Doch wenn das Flugzeug tiefer geht, erkennt man immer deutlicher rötlich braune Wunden im Waldgebiet. Vor der Landung in der Provinzstadt Balikpapan sind aus den Wunden riesige waldfreie Gebiete geworden. Ich erkenne Plantagen, Weideflächen, dampfende Schlote und brachliegende Grasflächen.

Wenn wir über Klimawandel reden, steht in der Regel die Verbrennung fossiler Energieressourcen im Mittelpunkt. In der Tat entsteht dabei der größte Teil der menschlich erzeugten Klimagase. Endlich rückt aber auch die Waldzerstörung stärker in die Diskussion. Zu Recht, denn die Wälder binden riesige Mengen CO2. Wenn mehr Wald stirbt als nachwächst, kann nicht nur weniger CO2 gebunden werden, sondern es gelangen zusätzliche Mengen des Klimakillers in die Atmosphäre. Durchschnittlich wird jede Minute etwa die Fläche eines Fußballfeldes zerstört. Im Jahr verschwindet so eine Waldfläche von der Größe Bayerns. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang der Abholzungsgeschwindigkeit sind die letzten Meldungen wieder sehr beunruhigend. Vor allem der Anstieg des globalen Fleischkonsums führt zu einer Beschleunigung der Waldzerstörung, weil auf den gerodeten Flächen Futterpflanzen für die wachsenden Viehherden angebaut werden. Fast 20 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen stammen derzeit bereits aus Regenwaldrodungen. So ist Indonesien trotz wenig Industrie durch die fortschreitende Waldzerstörung zum Land mit dem drittgrößten Ausstoß von Klimagasen nach den USA und China geworden. In den vergangenen 50 Jahren wurden 45 Prozent der indonesischen Urwälder zerstört. Dadurch wird nicht nur die Erderwärmung beschleunigt, sondern ist auch ein Grossteil der dort heimischen Arten von Tieren und Pflanzen gefährdet.

Vor Ort konnten wir uns von den Waldzerstörungen ein direktes Bild machen. Es ist erschreckend zu sehen, wie sich immer größere Schneisen und baumfreie Flächen in den Wald fressen. Übrig bleibt meist nur das heimische Alang-Alang-Gras. Es besitzt toxische Inhaltsstoffe, die verhindern, dass aus Samen neue Bäume werden oder andere Pflanzen die freien Flächen zurückerobern können. Wer einmal die riesige Vielfalt von Pflanzen und Tieren in einem Regenwald bestaunen konnte, weiß welcher Verlust mit seiner Abholzung verbunden ist. Ein Hektar Regenwald kann 40.000 Arten von Insekten, 750 Arten von Bäumen (in Deutschland gibt es insgesamt 65 heimische Baumarten) und 1.500 Arten von höheren Pflanzen beherbergen. Immer wieder entdeckt man eine neue Pflanze, die man vorher noch nie gesehen hat. Ein Regenwald ist kein Ort der Ruhe, überall umfangen einen die verschiedensten Laute: singende und rufende Vögel, brüllende Affen und die Geräusche anderer Waldtiere. Wer danach eine gerodete Fläche betritt, der fühlt sich nackt und beraubt. Selbst ein wieder aufgeforsteter Wald ist keine Entschädigung – ist seine Artenvielfalt doch stark begrenzt. In Kanada auf Vancouver-Island wirbt die Holzindustrie damit, wie toll sie doch alles wieder aufforstet, welch ein neuer junger gesunder Wald dadurch entsteht. Beim direkten Vergleich in Kanada überkam mich Wut und Enttäuschung aufgrund dieser Heuchelei. Auf Borneo ist es so ähnlich, nur dass hier in der Regel nicht einmal wieder aufgeforstet wird. Hauptverlierer sind Tiere wie die stark gefährdeten Orang-Utans. Die Menschenaffen bleiben ihren angestammten Gebieten treu. Wenn sie dem Menschen bei der Rodung im Wege sind, werden sie vertrieben oder gar erschossen. Die Jungtiere werden versklavt und verkauft. Wir hatten das Glück direkt mit der weltweit größten Primatenschutzorganisation BOS (Borneo Oranutan Survival) zusammenzukommen und ihre Projekte zu besuchen. BOS kümmert sich um die Menschenaffen. Aber nicht nur das, sie haben unter Anleitung des charismatischen Willi Smitts ein großes Stück abgeholztes Land gekauft und es in wenigen Jahren wiederaufgeforstet. Auch Malayenbären und viele andere Tiere finden dort eine neue Heimat.

Besonders tragisch für das Klima ist die Abholzung dort, wo unter dem Waldboden eine große Torfbodenschicht entstanden ist. In Indonesien gibt es Torfregenwald auf einer Fläche (22 Millionen Hektar), die mehr als dreimal so groß ist wie das Bundesland Bayern. Im Durchschnitt hat der Torf eine Mächtigkeit von sieben Metern. Ein Hektar dieses Urwaldes speichert bis zu 4.000 Tonnen reinen Kohlenstoff. Das ist pro Hektar dreißig mal soviel, wie in einem deutschen Wald gespeichert ist. Wenn dieser Wald gerodet würde, hätte dies für das Klima fatale Folgen.

Die Ursachen für die Regenwaldzerstörung sind vielfältig. Sie reichen von der Brandrodung für die Landwirtschaft, über den Kahlschlag der Holzindustrie, bis hin zur Abholzung für Kohleabbau und Plantagennutzung. Immer stärker spielt dabei die Herstellung von Palmöl eine Rolle. In Indonesien entstanden bisher auf fünf Prozent der Waldfläche Plantagen für die Zellstoff- oder Palmölproduktion. Anhand von Satellitenbildern und neuen Karten kann man sehen, dass genug Flächen außerhalb der Waldgebiete für Palmölplantagen zur Verfügung ständen. Doch die meisten Firmen wollen doppelt abkassieren und vor allem über die Genehmigung der Plantagen an das Holz kommen. Palmöl wird bisher hauptsächlich für die Erzeugung von Lebensmitteln und Kosmetik gewonnen. Nun kommt der Einsatz als Treibstoff hinzu. Der Durchschnittsertrag einer Plantage mit erntereifen Ölpalmen in Indonesien beträgt 3,6 Tonnen pro Hektar und Jahr. Er ist damit zehnmal so hoch wie der Ölertrag von Sojabohnen und sechsmal so hoch wie der von Raps. Der Druck, Ölpalmen anzubauen, wird also immer größer.

Ökologisch betrachtet ist diese Entwicklung ein gefährlicher Irrweg. Auf der einen Seite wollen und müssen wir den Anteil der alternativen Kraftstoffe ausweiten. Das Erdöl wird immer knapper und teurer und die Verbrennung belastet unser Klima. Auf der anderen Seite dürfen wir keine Anreize schaffen, dass für Palmöl Regenwald abgeholzt wird und in einigen Regionen auch eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion entsteht. Dies ist ein Balanceakt, der am Ende mehr Verlierer als Gewinner haben könnte. Es ist schwierig, aber wohl der einzig zu rechtfertigende Weg, den Anbau von Palmöl und anderen Ölpflanzen nur dort zu gestatten, wo er keine Wälder zerstört. Dazu müssen aber viele Fragen geklärt werden. Fragen, wie:

  • Wie bekommen wir die Länder dazu, nachhaltige Kriterien für den Ölpflanzenanbau einzuführen?
  • Wer kontrolliert, wo angebaut werden darf? – Wer übernimmt die Kosten für die entstehenden Ausfälle des Holzeinschlags?
  • Wie kann man den illegalen Holzeinschlag unterbinden?
  • Wer entschädigt die arme Landbevölkerung, deren Existenz von der Brandrodung abhängt?

Klar ist, dass ohne einen finanziellen Anreiz zur Walderhaltung weiter gerodet wird. Eine Zertifizierung für den Anbau von Ölpflanzen ist dringend erforderlich. Es gibt in der Diskussion kein schwarz und weiß. Viele, die jetzt die Palmölplantage lautstark verteufeln, waren und sind bei den unglaublichen Natur- und Waldzerstörungen durch die Erschließung und Förderung von Erdöl und Braunkohle sehr still. Auch, dass der Großteil des Palmöls immer noch in unserem Salat und für andere Lebensmittel verwendet wird, wird von kaum jemandem kritisiert. Wir, die Politiker, sind nun gefordert, möglichst ausgewogen eine Lösung zu finden. Dies wird hier direkt am Ort „des Geschehens“ deutlicher als bei der Lektüre von Buchstabenwüsten in Berichten und Anträgen.

 

Bali – Kampf um Kühlung und Fußnoten

Hoffnung für die Wälder gibt es durch ein konkretes Ergebnis der Konferenz von Bali. „Forest Carbon Partnership“ ist ein Fond, in den Gelder aus dem Emissionshandel der Industrieländer fließen. Daraus werden Walderhaltung und Wiederaufforstung in Entwicklungsländern finanziert. Aus Indonesien, Ecuador und anderen Ländern gibt es bereits Angebote, dass sie ihren Wäldern die Motorsäge ersparen, wenn sie dafür entschädigt werden. Die Industrienationen, die ihre Urwälder fast vollständig vernichtet haben, werden nicht umhinkommen, sich auch finanziell am Schutz der verbliebenen Urwälder der Welt zu beteiligen. Bisher fließt das Geld aber nur spärlich. Zudem möchten die Geldgeber die Gewährleistung dafür haben, dass der Schutz auch wirklich sichergestellt wird und die Gelder nicht versickern. Dies kann aber kaum garantiert werden. Es mangelt bisher an Überprüfungsmechanismen. Aber immerhin war die Einsetzung des Fonds die erste gute Botschaft, als wir von Borneo nach Bali gelangten. Auf einer Pressekonferenz präsentierten die Minister Wiecorek-Zeul und Gabriel diesen Fortschritt.

Nusa Dua heißt der künstliche Ort, an dem ein Luxushotel ans andere gereiht ist und in dem die Konferenz stattfindet. Tausende Diplomaten, Politiker, Journalisten und NGO-Vertreter tummeln sich hier zwischen Konferenzzentrum und Hotels, in denen Nebenveranstaltungen und Gesprächsrunden stattfinden. Auch wir hecheln, schwitzend bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, von Gespräch, über Vortrag, zu Delegationstreffen. Von Bali bekamen wir so gut wie nichts mit. Obwohl wir von Borneo keine weite Anreise hatten, spielten die Tage auf der Konferenz in einer anderen Welt. Jeder führte hier seinen ganz privaten Kampf gegen die schwüle Hitze. Über das Vorgehen beim gemeinsamen Kampf gegen die Erderwärmung musste immer noch hart gerungen werden.

Umweltminister Sigmar Gabriel und die Deutschen kämpften darum, im Abschlussdokument einen Zielpassus hineinzubekommen, der aufzeigt, dass die Treibhausemissionen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 zurückgeführt werden müssen. Das ist der Wert, den der IPCC für den UNKlimabericht von 2007 errechnet hat, damit die Erwärmung nicht über 2 Grad Celsius klettert. Eine durchschnittliche Temperaturerhöhung um bis zu 2 Grad würde schon deutliche Auswirkungen nach sich ziehen, doch scheinen sich diese noch in den Griff bekommen zu lassen.

Die Europäer traten recht geschlossen auf. Die Unterhändler der USA, Kanadas, aber auch aus China, Saudi Arabien und anderen Ländern machten dagegen schnell deutlich, das sie diese konkreten Ziele nicht unterschreiben werden. Am Ende eines emotionalen Verhandlungsmarathons gab es in einer Fußnote des Abschlussdokuments einen Verweis auf diese Ziele, die einen großen Interpretationsspielraum zulassen. Das ist dann wohl der berühmte Kompromiss, der zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben ist.

Auf dieser Konferenz war nicht mehr zu holen. Ich muss immer wieder schlucken, wenn ich daran denke, dass ein paar wenige Länder den notwendigen Fortschritt einfach so blockieren können. Dennoch ist die internationale Diskussion vorangekommen. Es ist noch nicht lange her – übrigens auch in Deutschland –, da wurde der Klimawandel insgesamt in Frage gestellt und im großen Stil geleugnet, dass der Mensch für die Erwärmung verantwortlich ist. Diese Ignoranz legte selbst die USRegierung auf Bali nicht mehr an den Tag. Es ist endlich Konsens, dass wir Menschen den Klimawandel verursachen und dass wir etwas unternehmen müssen. Doch damit endet die Gemeinsamkeit dann auch. Wir haben nur wenig Zeit, um mit deutlichen Maßnahmen die globale Erwärmung zumindest noch so weit zu bremsen, dass wir die Folgen beherrschen können und die angerichteten Schäden erträglich bleiben.

Einen Tag vor der Abreise hatte ich die Gelegenheit den Konferenzort einmal hinter mir zu lassen und doch noch einen kleinen Eindruck von Bali zu bekommen. Ich konnte die Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul begleiten, als sie nicht allzu weit von Nusa Dua gemeinsam mit nationalen und regionalen Politikern eine MikroBiogasanlage in Betrieb setzte. In einer solchen Anlage wird aus Kuhdung Gas gewonnen. Es ist ein sehr gutes Entwicklungshilfeprojekt, weil es nicht nur Treibhausgase einspart, sondern auch den Kleinbauern hilft. Einige Rinder reichen aus, um mit der kleinen Biogasanlage genügend Energie für die Kochherde der umliegenden Landwirte und ihren Familien bereitzustellen. Diese sparen damit Geld für teures Gas ein. Zudem sorgen die Anlagen dafür, dass die Exkremente schnell entsorgt werden und in der schwül warmen Atmosphäre nicht zu einem Krankheitsherd werden. Wieder einmal war ich beeindruckt, wie freundlich alle Menschen hier sind. Selbst Polizisten und Soldaten haben hier häufig ein Lächeln auf den Lippen und wirken so weniger bedrohlich. Die Eröffnung und die vielen Reden wirkten deshalb wahrscheinlich auch weniger steif und bürokratisch als bei uns.

Zwei Höhepunkte erlebte ich noch am Ende des Aufenthalts auf Bali. Der erste ist natürlich die mit Spannung erwartete Rede von Al Gore. Am späten Nachmittag hatten wir uns zu dritt auf den Weg gemacht und noch Plätze mit gutem Blick in einem der großen Konferenzräume ergattert. Als der ehemalige Vizepräsident erschien, platzt der Saal aus allen Nähten. Mit standing ovations begrüßte eine jubelnde Menge gleich zwei Nobelpreisträger. Neben Al Gore hatte auch das IPCC diesen Preis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten. Ihr Vorsitzender, der Klimawissenschaftler Rajendra Pachauri, betrat gemeinsam mit Al Gore die Tribüne. Nach dem typischen Anfangsgeplänkel geriet Al Gore richtig in Fahrt. Er motiviert, spricht Mut zu und verurteilt seine eigene Regierung. Kaum zu glauben, dass dieser Mann die Wahl gegen Bush auch deshalb nicht gewonnen hat, weil er zu hölzern, zu nüchtern wirkte und die Menschen nicht genügend erreichen konnte. Hier jedenfalls kam seine Botschaft an. Am Flughafen bekamen mein Kollege Frank Schwabe und ich dann sogar noch die Gelegenheit mit dem zweiten Nobelpreisträger Pachauri ein kurzes Gespräch zu führen.

Zu Hause gelandet brauche ich erst einmal einige Tage, um die Reise zu verdauen. So nach und nach wird mir klar, wie wichtig es ist, die Erkenntnisse der Reise auszuwerten und aufzubereiten. Vor allem unsere Eindrücke vom Regenwald müssen wir den Menschen weitergeben. Die letzten Urwälder brauchen jetzt unseren Schutz und wir müssen alles dafür tun, um diese Naturparadiese nicht nur wegen des Klimas für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.