Vom Restrisiko zum Kontrollverlust

‚Es gibt vermutlich‘, sagt der Risikoforscher Ortwin Renn, ‚eine Millionen extrem seltener Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Millionen; das heißt, dass jedes Jahr mindestens eins davon eintritt.‘ (…) Was aber wächst, ist die Folgenschwere des Desasters (in den Industrieländern steigt der Sachschaden, in eng besiedelten Ländern die Zahl der Todesopfer.). Denn zunehmend kommt es zu Sekundärkatastrophen, bei denen die technische Infrastruktur und das Krisenmanagement selbst zum Problem werden.“
(Ulrich Schnabel, ZEIT 14. April 2011)

Innerhalb eines Jahres erlebten wir mit dem Blow-Out der BP-Ölplattform Deepwater Horizon und dem Super-GAU in Fukushima gleich zwei Mega-Katastrophen, die vom Menschen verursacht wurden. Fukushima war eine von diesen Sekundärkatastrophen, welche die eigentlich vorhergehende Naturkatastrophe in ihren Ausmaßen in den Schatten stellte. Ulrich Beck schrieb in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ (Suhrkamp 2007) treffend: „Das schließt ein, dass die Welt die Gefahren, die die Moderne erzeugt, nicht mehr kontrollieren kann.“ Wir Menschen haben die Möglichkeiten erworben immer ausgefeiltere und immer gefährlichere Technologien zu entwickeln. Wir waren wegen des kurzfristigen ökonomischen Vorteils bereit, das Risiko immer weiter zu steigern. Dabei haben wir den Überblick verloren. Unsere moralische, vorausschauende geistige Entwicklung konnte mit der technologischen Entwicklung nicht mithalten. Das Korrektiv versagt, die reflektierende Folgeabschätzung wurde zu einer Nische von nörgelnden Schwarzsehern. Dagegen wächst die menschliche Fähigkeit der Verdrängung mit dem Ausmaß der Katastrophen. Entsetzen, Empörung, Verarbeitung, Gewöhnung.

In der Bundestagsanhörung zum Atomausstieg im Juni 2011 sprachen gleich mehrere Sachverständige davon, dass das Restrisiko eines Super-GAUs zu einem Risiko geworden sei, dass nicht mehr ignoriert, sondern einkalkuliert werden müsse, wenn man die Technologie betreiben wolle. Doch weil in einer ökonomisierten Welt, in der ein Wachstumszwang vorherrscht, bei dem das Wachstum von Renditen wichtiger als das Wachstum von Lebensqualität ist, immer unkalkulierbare Risiken zum Geschäft gehören, führen kumulierte Restrisiken eher zum entgrenzten Kontrollverlust. Staaten, ganze Regionen können sich nicht aus dem Gefahrenbereich ausklinken. Sie könnten allerdings vorleben, dass es anders geht und die Einbahnstraße zum Kontrollverlust durchbrechen. Dass erfordert mehr als Mut, es fordert eine neue Bewusstseinsstufe des Menschen.